Digitale Scheuklappen / Gedanken nach der re:publica

Nachdem vor ca. einer Woche schon die meisten Blogger_innen beim Posten ihrer re:publica XI-Rückblicke und -Fazits extra doll betonten, dass sie nun aber ganz schön spät dran seien, wollte ich das ganze Projekt des Rückblicks schon gut sein lassen. Vieles wiederholt sich ja auch und wurde mir von Anderen vortrefflich(er) formuliert aus dem Mund genommen. Da mir einiges aber doch noch durch den Kopf geht, will ich zumindest noch ein paar Blicke hier und dahin werfen, bereits durchsetzt und durchmischt mit all den Meinungen und Diskussionen der letzten zwei Wochen, soweit ich sie verfolgt habe.

Wir wollen uns beschweren

Direkt nach der Konferenz entstand der Eindruck, dass viele sich über vieles aufregen mussten. Gut, Beschweren ist eben ein naheliegender Impuls, wenn es Probleme gibt (z.B. zu enge Räume), und im Internet geht das bekanntermaßen noch schneller und scheint noch näher zu liegen. Dass 3000 Leute eben eine Menge sind, weiß nun vermutlich niemand besser als die Re:publica-Macher. Überfüllte Räume und volle Sessions sind natürlich frustrierend. Allerdings habe ich auch schon Konferenzen erlebt, bei denen man sich für die Workshops ohnehin anmelden musste bzw. nur eine bestimmte Teilnehmerzahl zugelassen war. Dass sich jemand dazu hinreißen lässt, von „duisburgartigen Zuständen“ zu schreiben, regt mich daher eher auf als die eigentliche Raumsituation (deswegen erwähne ich auch das an sich öde Thema). Da frage ich mich, ob sich Leute eigentlich manchmal vorher durchlesen, was sie so ins Internet schreiben. Falls ja, dann jedenfalls nicht sehr aufmerksam.

Das andere Internet

Gemeckert wurde auch auf inhaltlicher Ebene. Ich kann keine großen Vergleiche anstellen, weil ich wie gesagt zum ersten Mal da war. Viel diskutiert und getrollt wurde dieses Jahr rund ums Thema Feminismus, z.B. nachzulesen bei der Mädchenmannschaft. Als ich die ersten kritischen Motzereien über die angeblich omnipräsenten „Frauenthemen“ las, war mein erster Impuls, da mal durchzuzählen. Das ist ja immer sehr erhellend. Inzwischen wurde mir all dies, wie oben erwähnt, vortrefflich abgenommen: Anne Roth hat nachgezählt und fand 14 Frauen (von 81) unter fast 300 Speakern, die über Feministisches sprachen – andere setzten die Zahl sogar noch darunter an. Wieso trotzdem manche so überwältigt schienen von der Weiblichkeit, erklärte Antje Schrupp: „Dreißig Prozent Frauen sind gefühlte Gleichberechtigung“.

Mein Eindruck war auch vielmehr, dass die feministischen Themen und Speaker sich mit einer anderen Frage überschnitten, die sich für mich durch die ganze Veranstaltung zog: Wer spricht im Netz (und über was) – und wer hört zu? Solana Larsen sprach mit ergreifender Leidenschaft über Global Voices, unter der Frage „The world is talking – are you listening?“. In anderen Panels ging es um Pluralimus in der deutschen Blogszene oder um die Echo-Kammern, in denen wir uns um uns selbst drehen und nur liken, retweeten und faven, was wir ohnehin schon wussten und dachten. Danach klang auch Sascha Lobo in seinem „Startrant“ ans Publikum ein bißchen: „Ihr sollt eigentlich die digitale Gesellschaft prägen, aber ihr redet zu den immergleichen 1500 Deppen, die genau die gleiche Meinung haben wie ihr.“

Damit meint Lobo zwar wiederum nur bestimmte Leute, die auf bestimmte Weise mehr an die Öffentlichkeit treten sollen. Und die Vorträge und Workshops, die jene Frage berührten, gingen in unterschiedliche Richtungen und sind aus unterschiedlichen Motiven und Hintergründen heraus entstanden. Unterm Strich leitete sich aus dieser Mehrstimmigkeit für mich jedoch der Eindruck ab, dass es – der immer wieder beschworenen Vielgestaltigkeit des Internets zu Trotz – für viele schwer ist, über den digitalen Tellerrand zu gucken. Oder auch nur anzuerkennen, dass es da jenseits ihres Blogroll- und RSS-Tellers überhaupt noch etwas gibt (dazu empfehle ich u.a. Drop the thought). Und dass das dann auch noch auf die re:publica eingeladen wird (wie z.B. die ganzen Feminist_innen).

Die antifeministischen Motzereien sind als Reaktion das Extrem – zum Teil ein Fall für hatr. In anderer Hinsicht fühle ich mich aber durchaus auch selbst ertappt. Ob ich es nun Echo-Kammer oder einfach nur Um-mich-selbst-drehen nenne, mir fiel auf der re:publica jedenfalls auf, wieviel mir oft nicht auffällt im Netz. Wir müssen filtern, wir müssen ausblenden, ja. Aber vielleicht geht dabei oft zu schnell durch den Filter, was uns nicht auf den ersten Blick das Gefühl gibt, dass es sich auch um uns dreht.

[Fortsetzung folgt.]

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s