Wir werden als Prinzessin geboren

„Um 12 Uhr wird Kate zur Prinzessin“ – so oder ähnlich las ich’s heute auf einem Boulevardblatt. Zur Prinzessin werden! Prinzessin sein! Ein Evergreen in den Phantasien kleiner und großer Mädchen und in der kultureller Verarbeitung in Kino, TV, Literatur. Aber was macht den Prinzessinnen-Mythos, den wir heute mal wieder aufs Beste bewundern konnten, eigentlich so mächtig? Eine kleine Spurensuche.

In der Literatur begegnen uns Prinzessinnen häufig in der Kinder- und Jugendliteratur (wobei Märchen früher an alle Alterstufen adressiert waren). Ein Klassiker ist „Sara, die kleine Prinzessin“ der britischen Autorin Frances Hodgson Burnett (besser bekannt für den „Kleinen Lord“, der uns alljährlich in Weihnachtsstimmung schmalzt). Sara ist  eigentlich gar keine „richtige“ Prinzessin, d.h. nicht von so genannter adliger Geburt. Sie stellt sich nur vor, eine Prinzessin zu sein, weil sie in ihr eine moralische Instanz sieht: Die Prinzessin setzt ihre soziale Stellung dafür ein, Gutes zu tun und ihren Reichtum zu teilen. Diese Haltung hängt aber mit Reichtum nicht zwingend zusammen, wie Sara zeigt: Sie ist zwischendurch furchtbar arm, versucht aber immer noch zu teilen – wenn auch nur ihre Phantasie, das einzige, was ihr bleibt. Sind am Ende die Juwelen gar nicht entscheidend? Wüßte gerne, was Kate Middleton zu dem Thema zu sagen hat.

Radfahren wie Prinzessin Lillifee

Eine weitaus prominentere, zeitgenössische Prinzessin ist eher ein Hassobjekt von mir: die unausweichlich rosafarbene Prinzessin Lillifee. Ihre Geschichte(n) kenne ich nicht – ja, es gab am Anfang mal ein Buch – aber Wikipedia weiß: „Wenn Lillifee nicht gerade zur Zauberschule geht, dann hilft sie den Tieren, Pflanzen und allen anderen, die in ihrem Feenreich leben“. Es kommen Einhörnern, Seejungfrauen, Ballerinas und Delfine vor. Also auch: sehr hilfsbereit. Und tierlieb. Und anmutig und goldig. Auf der Lillifee-Website sind die Bücher aber nicht so leicht zu finden, denn der Shop listet erstmal alle anderen erdenklichen Produkte auf, die man mit Lillifee verzieren kann. Und die sorgen mit Macht dafür, in den Köpfen ungezählter Mütter und Töchter das Bild zu verfestigen, dass Rosa und Prinzessinnen Mädchenrecht und -pflicht sind. Das monetäre Potential des P-Worts hat mittlerweile auch der Disney-Konzern erkannt und all seine mehr oder weniger ins Schema passenden weiblichen Charaktere in der Marke „Disney Princess“ vereint. Prinzessinnen sind offenkundig lukrativ. Auch da macht Kate M. keine Ausnahme.

In klassischeren, märchenhaften Zusammenhängen muss die Prinzessin meist gerettet werden und fällt allerlei bösen Hexen mit giftigen Äpfeln, magischen Spindeln und anderen Intrigen zum Opfer. Ihre wahre Größe muss sie unter großen Entbehrungen beweisen (bspw. in den Wald verjagt werden, als Gänsemagd leben, in der Asche schlafen… lange Liste): und dass diese ihrer Tugendhaftigkeit nichts anhaben können. Das bezahlen sie zur Not auch mit dem Leben, für die Auferstehung sorgt ein Prinz. Klar ist dabei immer: Prinzessin ist Frau von innen. Sie kann es nicht erwerben oder erlernen. Wenn die Tugend und Feinfühligkeit nicht stimmt, dann ist da nix zu machen. Interessanterweise ist eine adlige Geburt im Märchen nicht zwingend vonnöten – wer nur bescheiden, demütig, fleißig und gutherzig genug war (so ne richtige Goldmarie eben), der kriegt am Ende den Prinzen und ist ZACK – adelig. Diese Werte stellt die zukünftige Prinzessin von heute dadurch unter Beweis, dass ein Prinz sich in sie verliebt. Damit ist ihre innere Prinzessin hinreichend bewiesen, und die Tugend kommt von selbst. So wie bei Mette-Marit oder Maxima.

Ist nur im Urlaub

Die Filmprinzessin des 20 Jahrhunderts ist schon einen Schritt weiter. Sie setzt sich durchaus mit ihrem goldenen Käfig auseinander. Ikonenhaft hier, wie in vielem anderen auch: Audrey Hepburn, die als Prinzessin auf Abwegen mit der Vespa Rom unsicher macht. Doch der Titel verrät es schon: die „Roman holiday“ bleibt auch nur ein Urlaub vom Prinzessinnendasein. Wie in etlichen weiteren Filmen ähnlichen Musters trifft sie auf ihrem Inkognito-Ausflug ins wahre Leben einen abgehalfterten Journalisten, der sie für eine tolle Story verführen will, dann aber – natürlich – hoffnungslos dem Charme der noblen Geburt erliegt. Wäre der Film aus den 2000ern, hätte sie ihn vielleicht an ihre Seite holen können, aber 1953 weiß eine Prinzessin noch, wo ihr Platz ist (und seiner), und das Happy End bleibt ihr versagt. Die andere Spielart der Filmprinzessin lebt jahrelang ein normales Leben, ohne etwas von ihrer adeligen Geburt zu ahnen. Im „Plötzlich Prinzessin“-Prinzip hat sie dann naturgemäß erstmal große Probleme, sich an höfische Etiketten zu gewöhnen. Das Projekt scheint zum Scheitern verurteilt, doch am Ende: werden die Ketten gelockert, Traditionen umgekrempelt, das Zeremoniell aufgepeppt, der Prinz gefunden – und die innere Prinzessin trägt den Sieg davon.

Hat es einfach drauf

Vor einigen Jahren entdeckte auch das deutsche Fernsehen den Prinzessinnenfilm für sich (siehe oben: verkauft sich gut!), und verpasste einigen Schauspielerinnen eine Krone: So macht Karoline Herfurth in „Prinzessin macht blau“ (2004) einfach mal blau vom Hof, gerät dabei naturgemäß an einen Sensationsreporter (undercover), mit dem sie zum HappyEnd aber glücklich vereint ihrer Neigung zum Tierschutz nachgehen darf (weil: Prinzessinnen sind tierlieb, wie wir wissen). Noch gewagter wird es in „Eine Prinzessin zum Verlieben“ (2005), in dem Prinzessin Muriel Baumeister vor ihrer anstehenden royalen Vermählung ebenfalls noch einmal jenseits von höfischen Pfaden wandeln will. Dabei verliebt sie sich in einen Gärtner, der, wie sich herausstellt, auch tatsächlich ein Gärtner ist. Eine plötzliche Prinzessin ist Felicitas Woll in „Eine Krone für Isabell“ (2006). Erst als junge Frau erfährt sie, dass ihr Vater in Wahrheit König eines Fantasiezwergenstaats am Mittelmeer ist. Auf diesen Schock mischt sie sich erstmal getarnt unter dessen Volk, wird aber – surprise – von einem Sensationsreporter (undercover) erkannt und verführt. Pünktlich zur Krönung ist aber alles vergeben und sie kann den Reuigen zum Thron an ihrer Seite emporheben.

Ja, Prinzessinnen können heute auch Gärtner und Reporter heiraten. Oder Fitnesstrainer. Sie können auch vorher Partymäuse gewesen sein. Denn wie man sieht, hat eine Prinzessin es immer in sich, egal ob von adliger Geburt oder nicht: ein reines Herz. Sie ist manchmal naiv, durchaus auch mal rebellisch, aber immer herzensgut und letzten Endes weiß sie auch, was sie zu tun hat, nämlich: Das Richtige. Diese Tugenden jedoch kann sie nicht erlernen, sie handelt danach instinktiv und naturgegeben, trotz Ausrutschern. Denn dass die Prinzessin reichlich biologistisch daherkommt, steht außer Frage. Und dass eine Prinzessin im wahren Leben an diesem Anspruch bisweilen kaputt geht, genauso wenig. Aber mächtig ist die Faszination dennoch: insgeheim etwas ganz Besonderes zu sein, etwas Besseres, etwas Schönes – und gleichzeitig daran ganz unschuldig zu sein (und nichts dafür tun zu müssen).

(Archivmaterial)

Die Mädchen, die gerne eine Prinzessin sein wollen, sitzen jedenfalls einer fiesen Täuschung auf: zu allererst müssen sie sich richtig gut verhalten. Wie ein richtig nettes, liebes Mädchen. Und wenn das dann nichts wird mit dem Prinz und der Krone, tja – dann haben sie es wohl einfach nicht in sich. Und wer behauptet, alle Mächen wollten Prinzessinnen sein – der meint dann wohl auch, alle Mädchen wollten lieb und nett sein. Und da hab ich anderes gehört. Ich jedenfalls überlege mir das echt noch mal, mit der Prinzessin. Scheint mir eine anstrengende Sache zu sein. Und unterm Strich: auch ziemlich öde.

[Kleine Teile dieses Textes stammen aus einem älteren Blogtext. Für alle treuen Leser_innen von damals (alle zwei) – hoffe es ist trotzdem spannend!]
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Eine Antwort zu “Wir werden als Prinzessin geboren

  1. Prinzession = Biologie + innere Veranlagung (also: Biologie :-)).
    Und während ich mich rückblickend und immer wieder bei meiner Mutter für Antiklischeefaschingskostüme (roter Rock, weiße Bluse, Kajal-Sommersprossen und ein WINZIGES Krönchen, ihre Interpretation meines „Ich will Prinzessin sein“) bedanken darf, frage ich mich nicht zum ersten Mal warum das Klischee auf der Jungenseite nicht halb so gut zu funktionieren scheint („Prinz-sein-wollen“, irgendwer?)…

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