Monatsarchiv: Mai 2011

„Shoppen“

Der Alltag ist ja ein einziges Minenfeld des schlechten Gewissens und Falsch-Handelns: was das Essen angeht, ist bei mir schon einige Gewohnheits-Gegenwehr zusammengebrochen, wiewohl ich trotzdem noch nicht alles im Bioladen kaufe und auch sicher nicht wahnsinnig gesund lebe (aber: der Salatwahn hat sich eh als schlechte Idee erwiesen und macht wohl doch nicht so glücklich). Trotzdem verzichte ich hier mittlerweile auf viele Dinge (aus Gründen), und quäle mich dabei nicht einmal fast nie.

Dann wären da aber noch andere Grund(konsum-)Bedürfnisse: Kleidung zum Beispiel. Zugegeben: nicht unbedingt nur zum Warmhalten und Nicht-Verhaftet-Werden. Nein, ich dekoriere mich auch gerne, gucke mir gerne gut angezogene Leute an und versuche selbst, so jemand zu sein, wenn mir danach ist. Davon abgesehen: stelle ich auch immer wieder fest, wie sehr die Werbebotschaften, mit denen wir allenthalben konfrontiert sind, in mir einen Resonanzboden finden. Ich weiß noch recht genau, wie ich als Jugendliche zum ersten Mal feststellte: mir beginnt eine Sache zu gefallen, über die ich anfänglich noch den Kopf geschüttelt hatte – einfach nur durch das fortgesetzte Vorgeführt-Bekommen dieses Trends an Menschen auf der Straße, im Fernsehen, in Magazinen. Ich weiß nicht mal mehr genau, was es war, erinnere mich nur noch daran, wie mir der Effekt bewusst wurde. Dieses Bewusstwerden hilft ein bißchen, sich dem zu entziehen, aber – mal ehrlich – eben auch nur ein bißchen.

Später kam irgendwann der Moment, an dem ich zum ersten Mal von Sweatshops las, mich fragte, wie Klamotten eigentlich so billig sein können, der ganze üble Rattenschwanz, der den unbeschwerten Konsum kaputt machte. Gute Vorsätze tauchen auf, Öko-Baumwollsachen kaufen, Fairtrade, Second-Hand, lieber länger auf etwas richtig Tolles sparen, das ich dann lange habe, anstatt dauernd billige Fehlkäufe bei internationalen Ketten zu riskieren. Um dann doch wieder schamhaft das „Made in Bangladesh“-Schildchen aus dem schwedischen Top zu schneiden – weil’s kratzt und rausguckt, natürlich. Nun habe ich mal wieder einen Punkt in meinem Leben erreicht, wo dieser ungehemmte Konsum auch finanziell nicht unbedingt sein muss. Leider keine wirkliche Erleichterung, denn die Verlockungen werden dadurch ja nicht weniger, selbst wenn Newsletter von Onlineshops sofort ungelesen gelöscht werden und nach jedem Besuch omnipräsenter Internet-Schuhversender die Cookies gelöscht werden, auf dass die betrachteten Konsumartikel mich nicht noch tagelang durchs Netz verfolgen wie digitale Geister, die um Erlösung flehen.

Da hilft es, ab und zu über Artikel wie diesen zu stolpern (genaugenommen hat den mir ein Freund geschickt – danke nochmal) und sich noch mal den ganzen Irrsinn der modernen Bekleidungsindustrie vor Augen zu führen. Lucy Siegle beschreibt darin vor allem den englischen Markt der „Highstreet Shops“ (also Zara, Topshop, Primark etc. und deren wahnwitzig verkürzte Produktionszyklen mit all ihren Folgen), der sich aber bis auf einige austauschbare Marken genauso in D. abspielt. Insbesondere, nachdem es z.B. Primark nun seit einiger Zeit auch bei uns gibt. Eine Freundin beschrieb mir diesen Laden, den sie aus dem Auslandssemester kannte, damals recht begeistert. Wirklich verdenken kann ich ihr das nicht. Anders als bei anderen Billigketten sind die Sachen dort z.T. recht originell, das Angebot riesig. Der erste Primark in Deutschland eröffnete in Bremen im Einkaufszentrum „Waterfront“ – ein ziemlicher Konsum-Koloss (was v.a. daran liegt, dass es sich um die ehemalige „Investitionsruine“ Space Center handelt). Durch Zufall war ich dort (im Einkaufszentrum) mal an einem Samstag zu Besuch, und musste dabei minutenlang den Ein- und Ausgang bestaunen, aus dem die Massen herausquollen, jede_r ohne Ausnahme mit riesigen weißen Primark-Tüten beladen – beidhändig. Als wären die Kleider umsonst. Oder per Kilo zu bezahlen. In England ist die Primark-Tüte schon längst zum Symbol für die Wegwerf-Mode geworden.

Allerdings. Unter dem oben verlinkten Guardian-Artikel gibt es ein paar Stimmen, die sagen: Viele könnten sich eben nichts anderes leisten. Wieso sollten nun unbedingt die englischen Konsumenten, auch nicht eben reich, ein Verzichts-Zeichen für die Gehälter in Drittweltländern setzen. Am Ende würden die Arbeiter_innen dort nur noch weniger verdienen. Und viele könnten sich vermutlich auch keine wertigeren Sachen leisten, selbst wenn sie eine Weile sparen.

Möglich. Manche Argumente sind sicher auch Ausreden, um die eigenen Konsumbedürfnisse zu verteidigen. So wie manche Fleischesser jeden Vegetarier durch seine bloße Existenz als einen Vorwurf empfinden. Konsum bedeutet für Viele: sich etwas Gutes tun. Das gekränkte Ego zu streicheln. Sich zu entschädigen für die Unbill der Welt, für eigenes Versagen, fürs Sich-ungeliebt- und unzulänglich-fühlen, für Zurückweisung. Bei Primark jedenfalls können sich viele eine Pretty-Woman-Fantasie erfüllen, ohne Richard Geres Kreditkarte zu besitzen. Natürlich sollen wir das so sehen. Sonst würden wir ja nicht so gerne und so viel kaufen (dazu der Hinweis auf einen fabelhaften Essay vom Gurkenkaiser). Aber den Zeigefinger gegen die Primark-Jünger zu heben fällt mir dann doch eher schwer: Who am I to judge?

Auf die Finger schauen erscheint mir da schon sinnvoller und berechtigter: den Bekleidungsketten, den Werbe- und Vermarktungsstrategien und -strategen. Und auch mir selbst, ein bißchen. Etwas mehr kann ich sicher noch vertragen.

About

Selbstbeschreibungen sind ja so eine Sache – zu ernst? Zu ironisch? Zu oberflächlich? Zu beschönigend? Es sich Recht zu machen scheint unmöglich. Andererseits: mach ich mir meistens eher zu viele Gedanken. Von daher hab ich jetzt auch mal meine Klirrr?-Seite ein bißchen upgedatet.

Kaffee und Kuchen

Symbolbild

Zu Schulzeiten hätte ich nie erwartet, wie sehr die spätere Studien- und Berufswahl auch meine Schulfreund_innen und mich verändern würde in unseren Ansichten, Lebensweisen und Vorlieben. Reichlich naiv, aber die Diskrepanz, die sich aus der Wahl von Chemie-, Kunst- oder Deutsch-LK ergab, war eben doch noch vergleichsweise gering.

Heute sieht frau ihre Schulfreundinnen nur noch selten. Verbundenheit ist da, aber die Leben überschneiden sich nur wenig. Alle paar Monate gelingt es noch, sich für Kaffee, Kuchen und Lebens-Update zu treffen, immerhin. Dann erzählen fast alle von Babies, Kindern und Hochzeiten. Irgendwann heißt es, wie faszinierend es doch sei, dass alle Jungen Baufahrzeuge, Bagger und Planierraupen lieben. Dass das ja irgendwie schon in den Genen so angelegt sei. Und während die Sonne auf die heitere Atmosphäre und die Teller mit Kuchenresten scheint, formen sich in meinem Kopf die Worte, die ich jetzt sagen sollte. Von sozialer Prägung, von Erwartungshaltung und Erziehung. Von Spielzeugindustrie und Stereotypen. Doch meine Zunge leckt sich nur den Kaffee von den angespannten Lippen, und das Gespräch mäandert fort zu anderen Themen.

Das hätte ja nur die nette Stimmung verdorben, sage ich mir später. Menschen haben eben unterschiedliche Ansichten zu diesen Themen, und Mütter machen eine Menge eigene, prägende Erfahrungen. Ich hätte da auch schon sehr weit ausholen müssen mit meinen Argumenten, so viel erklären. Und wir sehen uns doch so selten. Doch in meinem Bauch rumort es, und es liegt nicht am Kuchen. Die nächsten Tage darf ich mir jetzt wieder von mir anhören: Hättest du doch was gesagt.

Unverwundbar? Geschlechterklischees und Games

Angesichts der Gamestage verkündet die Spielbranche, Frauen nun verstärkt als Zielgruppe ins Visier nehmen zu wollen. Dies verkündet sie nach meiner Empfindung nicht zum ersten Mal – seit Jahren verstärkt sich ja ganz allgemein der Trend, Käufergruppen jenseits der eingefleischten „Gamerszene“ zu erschließen. Dass es gerade in dieser Szene durchaus auch schon länger Frauen gibt, fällt dabei wohl nicht so sehr ins Gewicht (die haben da ja auch sonst mit einigen Ärgernissen zu kämpfen). Manche Studien meinen, dass Frauen sich bisher vor allem durch die Darstellung der Frauen in Computerspielen nicht angesprochen fühlten – könnte was dran sein. Leider findet manche die Antwort in weiteren dummen Biologismen: „Items einsammeln ist wie puzzeln oder bügeln. Frauen sind besessen davon.“ oder „Physiologische Studien zeigen, das Männer auf alles reagieren, was explodiert und Lärm macht. Frauen interessiert Action nicht. Sie lieben Emotionen, Beziehungen und komplexe Handlungen.“ Ich bin mir sicher, es gibt mittlerweile schon eine Menge interessante und weitaus differentiertere Untersuchungen und Erkenntnisse zur weiblichen Gamingszene, -wünschen und vorlieben (z.B. hier).

Trotzdem machen mich Ankündigungen, man wolle sich verstärkt weiblichen Zielgruppen zuwenden, zuallerst mal skeptisch. Dafür hab ich Gründe! Kostenlose Browsergames für Kinder, beispielsweise. Die trennen meist sorgsam nach Mädchen und Jungen und weisen dabei die flachsten, einschränkendsten Stereotype zu:

Mädchen machen sich schön, Jungen machen sich stark

Mädchen bereiten sich hier spielend auf das Leben vor: bekanntlich müssen sie dafür kochen, backen und dekorieren, und vor allem: Schön aussehen!  So ergattern sie Liebe – was dann folgt, können sie schon mal mit Babysitter-Spielen üben. Auch dürfen sie sich für liebliche, friedliche Dinge wie Tiere und Musik sowie Diensleistungen wie Kellnern und Servieren interessieren (liegt ja bekanntlich in der weiblichen Natur). Ganz neu ist das übrigens nicht (via Ninia LaGrande).

Jungs sind mehr Action- und Sportlastig unterwegs, sie rennen, jumpen, verteidigen, bomben und kicken, was das Zeug hält. Sieht mir ganz schön fordernd aus, dass Jungengamerleben. Aber da muss man(n) durch.

Natürlich kann man jetzt einwenden: das sind ja nur simpelste Billiggames, langweiliger Kram, von dem die Hälfte auf japanisch ist. Mag sein. Bei Kindern sind diese und vergleichbare Seiten jedoch recht bekannt und beliebt. Ist ja auch verständlich: einfach zu verstehen, kurzweilig, kostenlos und zusätzliche Devices à la Handheld oder gar Konsole sind nicht erforderlich. Zudem liest frau ständig, dass Browsergames gerade der heiße Scheiß sind und ihnen noch eine große Zukunft beschieden ist. Also, liebe Gamesbranche, wenn ihr jetzt die Frauen vermehrt aufs Korn nehmen wollt: gerne doch. Aber: Die Mädchen und ich, wir interessieren uns auch noch für andere Dinge als Kochen und Frisieren, und unser Gamesgeschmack leitet sich auch nicht von den Höhlenmenschen ab.

Recht bezeichnend bei oben verlinkter Spielesammlung: eines der beliebtesten Spiele „für Mädchen“ ist geradezu „actionlastig“: Bei „Liebeszauber 2“ läuft Mädchen durch die Schule und muss mit einer Art Bannstrahl Jungs abschießen, die sich dann in die Spielerin verlieben. Sind andere Mädchen anwesend, kommt es zum Bannstrahlen um die Wette. Das ist inhaltlich natürlich auch ziemlich beknackt, aber kommt für ein Spiel auf dieser Plattform im Vergleich zum öden Geschminke und Gerühre tatsächlich geradezu wie Adrenalin rüber. Könnte es etwa sein, dass Mädchen auch gerne mal durch die Gegend schießen?!

Love is a battlefield

Natürlich könn(t)en Mädchen auch einfach zu den „ungegenderten“ oder den Spielen für Jungs greifen, wenn ihnen die mehr Spaß machen. Aber dabei wird ihnen immer ins Auge springen, dass sie sich irgendwie „unmädchenhaft“ verhalten. Und das ist einfach Mist.

Kühn sein

Ängstlich achten sie darauf,
dass alle kühnen Pläne bleiben,
was sie bleiben sollen:
Folgenlos.

Hannes Wader: Folgenlos
(Nach Hamburg, 1989)

Ich mache auch gerade kühne Pläne. Ein Plan ist, dass sie nicht folgenlos bleiben. Meine Befürchtungen scheren sich darum nicht weiter. Also folge ich Hannes Waders Stimme in meine Kindheitsmelancholie, in der hat er einen festen Platz. Da geht mir das Lächeln besser von den Lippen – eine nicht uneffektive Waffe. Gegen Befürchtungen und auch sonst.