Unverwundbar? Geschlechterklischees und Games

Angesichts der Gamestage verkündet die Spielbranche, Frauen nun verstärkt als Zielgruppe ins Visier nehmen zu wollen. Dies verkündet sie nach meiner Empfindung nicht zum ersten Mal – seit Jahren verstärkt sich ja ganz allgemein der Trend, Käufergruppen jenseits der eingefleischten „Gamerszene“ zu erschließen. Dass es gerade in dieser Szene durchaus auch schon länger Frauen gibt, fällt dabei wohl nicht so sehr ins Gewicht (die haben da ja auch sonst mit einigen Ärgernissen zu kämpfen). Manche Studien meinen, dass Frauen sich bisher vor allem durch die Darstellung der Frauen in Computerspielen nicht angesprochen fühlten – könnte was dran sein. Leider findet manche die Antwort in weiteren dummen Biologismen: „Items einsammeln ist wie puzzeln oder bügeln. Frauen sind besessen davon.“ oder „Physiologische Studien zeigen, das Männer auf alles reagieren, was explodiert und Lärm macht. Frauen interessiert Action nicht. Sie lieben Emotionen, Beziehungen und komplexe Handlungen.“ Ich bin mir sicher, es gibt mittlerweile schon eine Menge interessante und weitaus differentiertere Untersuchungen und Erkenntnisse zur weiblichen Gamingszene, -wünschen und vorlieben (z.B. hier).

Trotzdem machen mich Ankündigungen, man wolle sich verstärkt weiblichen Zielgruppen zuwenden, zuallerst mal skeptisch. Dafür hab ich Gründe! Kostenlose Browsergames für Kinder, beispielsweise. Die trennen meist sorgsam nach Mädchen und Jungen und weisen dabei die flachsten, einschränkendsten Stereotype zu:

Mädchen machen sich schön, Jungen machen sich stark

Mädchen bereiten sich hier spielend auf das Leben vor: bekanntlich müssen sie dafür kochen, backen und dekorieren, und vor allem: Schön aussehen!  So ergattern sie Liebe – was dann folgt, können sie schon mal mit Babysitter-Spielen üben. Auch dürfen sie sich für liebliche, friedliche Dinge wie Tiere und Musik sowie Diensleistungen wie Kellnern und Servieren interessieren (liegt ja bekanntlich in der weiblichen Natur). Ganz neu ist das übrigens nicht (via Ninia LaGrande).

Jungs sind mehr Action- und Sportlastig unterwegs, sie rennen, jumpen, verteidigen, bomben und kicken, was das Zeug hält. Sieht mir ganz schön fordernd aus, dass Jungengamerleben. Aber da muss man(n) durch.

Natürlich kann man jetzt einwenden: das sind ja nur simpelste Billiggames, langweiliger Kram, von dem die Hälfte auf japanisch ist. Mag sein. Bei Kindern sind diese und vergleichbare Seiten jedoch recht bekannt und beliebt. Ist ja auch verständlich: einfach zu verstehen, kurzweilig, kostenlos und zusätzliche Devices à la Handheld oder gar Konsole sind nicht erforderlich. Zudem liest frau ständig, dass Browsergames gerade der heiße Scheiß sind und ihnen noch eine große Zukunft beschieden ist. Also, liebe Gamesbranche, wenn ihr jetzt die Frauen vermehrt aufs Korn nehmen wollt: gerne doch. Aber: Die Mädchen und ich, wir interessieren uns auch noch für andere Dinge als Kochen und Frisieren, und unser Gamesgeschmack leitet sich auch nicht von den Höhlenmenschen ab.

Recht bezeichnend bei oben verlinkter Spielesammlung: eines der beliebtesten Spiele „für Mädchen“ ist geradezu „actionlastig“: Bei „Liebeszauber 2“ läuft Mädchen durch die Schule und muss mit einer Art Bannstrahl Jungs abschießen, die sich dann in die Spielerin verlieben. Sind andere Mädchen anwesend, kommt es zum Bannstrahlen um die Wette. Das ist inhaltlich natürlich auch ziemlich beknackt, aber kommt für ein Spiel auf dieser Plattform im Vergleich zum öden Geschminke und Gerühre tatsächlich geradezu wie Adrenalin rüber. Könnte es etwa sein, dass Mädchen auch gerne mal durch die Gegend schießen?!

Love is a battlefield

Natürlich könn(t)en Mädchen auch einfach zu den „ungegenderten“ oder den Spielen für Jungs greifen, wenn ihnen die mehr Spaß machen. Aber dabei wird ihnen immer ins Auge springen, dass sie sich irgendwie „unmädchenhaft“ verhalten. Und das ist einfach Mist.

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Eine Antwort zu “Unverwundbar? Geschlechterklischees und Games

  1. In diesem Zusammenhang ein Hinweis auf die immer empfehlenswerte Reihe Extra Credit, hier zum Thema „True Female Characters“. Die AutorInnen der Videos arbeiten alle selbst in der Spieleindustrie – mit anderen Worten: es gibt auch Hoffnung.

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