„Shoppen“

Der Alltag ist ja ein einziges Minenfeld des schlechten Gewissens und Falsch-Handelns: was das Essen angeht, ist bei mir schon einige Gewohnheits-Gegenwehr zusammengebrochen, wiewohl ich trotzdem noch nicht alles im Bioladen kaufe und auch sicher nicht wahnsinnig gesund lebe (aber: der Salatwahn hat sich eh als schlechte Idee erwiesen und macht wohl doch nicht so glücklich). Trotzdem verzichte ich hier mittlerweile auf viele Dinge (aus Gründen), und quäle mich dabei nicht einmal fast nie.

Dann wären da aber noch andere Grund(konsum-)Bedürfnisse: Kleidung zum Beispiel. Zugegeben: nicht unbedingt nur zum Warmhalten und Nicht-Verhaftet-Werden. Nein, ich dekoriere mich auch gerne, gucke mir gerne gut angezogene Leute an und versuche selbst, so jemand zu sein, wenn mir danach ist. Davon abgesehen: stelle ich auch immer wieder fest, wie sehr die Werbebotschaften, mit denen wir allenthalben konfrontiert sind, in mir einen Resonanzboden finden. Ich weiß noch recht genau, wie ich als Jugendliche zum ersten Mal feststellte: mir beginnt eine Sache zu gefallen, über die ich anfänglich noch den Kopf geschüttelt hatte – einfach nur durch das fortgesetzte Vorgeführt-Bekommen dieses Trends an Menschen auf der Straße, im Fernsehen, in Magazinen. Ich weiß nicht mal mehr genau, was es war, erinnere mich nur noch daran, wie mir der Effekt bewusst wurde. Dieses Bewusstwerden hilft ein bißchen, sich dem zu entziehen, aber – mal ehrlich – eben auch nur ein bißchen.

Später kam irgendwann der Moment, an dem ich zum ersten Mal von Sweatshops las, mich fragte, wie Klamotten eigentlich so billig sein können, der ganze üble Rattenschwanz, der den unbeschwerten Konsum kaputt machte. Gute Vorsätze tauchen auf, Öko-Baumwollsachen kaufen, Fairtrade, Second-Hand, lieber länger auf etwas richtig Tolles sparen, das ich dann lange habe, anstatt dauernd billige Fehlkäufe bei internationalen Ketten zu riskieren. Um dann doch wieder schamhaft das „Made in Bangladesh“-Schildchen aus dem schwedischen Top zu schneiden – weil’s kratzt und rausguckt, natürlich. Nun habe ich mal wieder einen Punkt in meinem Leben erreicht, wo dieser ungehemmte Konsum auch finanziell nicht unbedingt sein muss. Leider keine wirkliche Erleichterung, denn die Verlockungen werden dadurch ja nicht weniger, selbst wenn Newsletter von Onlineshops sofort ungelesen gelöscht werden und nach jedem Besuch omnipräsenter Internet-Schuhversender die Cookies gelöscht werden, auf dass die betrachteten Konsumartikel mich nicht noch tagelang durchs Netz verfolgen wie digitale Geister, die um Erlösung flehen.

Da hilft es, ab und zu über Artikel wie diesen zu stolpern (genaugenommen hat den mir ein Freund geschickt – danke nochmal) und sich noch mal den ganzen Irrsinn der modernen Bekleidungsindustrie vor Augen zu führen. Lucy Siegle beschreibt darin vor allem den englischen Markt der „Highstreet Shops“ (also Zara, Topshop, Primark etc. und deren wahnwitzig verkürzte Produktionszyklen mit all ihren Folgen), der sich aber bis auf einige austauschbare Marken genauso in D. abspielt. Insbesondere, nachdem es z.B. Primark nun seit einiger Zeit auch bei uns gibt. Eine Freundin beschrieb mir diesen Laden, den sie aus dem Auslandssemester kannte, damals recht begeistert. Wirklich verdenken kann ich ihr das nicht. Anders als bei anderen Billigketten sind die Sachen dort z.T. recht originell, das Angebot riesig. Der erste Primark in Deutschland eröffnete in Bremen im Einkaufszentrum „Waterfront“ – ein ziemlicher Konsum-Koloss (was v.a. daran liegt, dass es sich um die ehemalige „Investitionsruine“ Space Center handelt). Durch Zufall war ich dort (im Einkaufszentrum) mal an einem Samstag zu Besuch, und musste dabei minutenlang den Ein- und Ausgang bestaunen, aus dem die Massen herausquollen, jede_r ohne Ausnahme mit riesigen weißen Primark-Tüten beladen – beidhändig. Als wären die Kleider umsonst. Oder per Kilo zu bezahlen. In England ist die Primark-Tüte schon längst zum Symbol für die Wegwerf-Mode geworden.

Allerdings. Unter dem oben verlinkten Guardian-Artikel gibt es ein paar Stimmen, die sagen: Viele könnten sich eben nichts anderes leisten. Wieso sollten nun unbedingt die englischen Konsumenten, auch nicht eben reich, ein Verzichts-Zeichen für die Gehälter in Drittweltländern setzen. Am Ende würden die Arbeiter_innen dort nur noch weniger verdienen. Und viele könnten sich vermutlich auch keine wertigeren Sachen leisten, selbst wenn sie eine Weile sparen.

Möglich. Manche Argumente sind sicher auch Ausreden, um die eigenen Konsumbedürfnisse zu verteidigen. So wie manche Fleischesser jeden Vegetarier durch seine bloße Existenz als einen Vorwurf empfinden. Konsum bedeutet für Viele: sich etwas Gutes tun. Das gekränkte Ego zu streicheln. Sich zu entschädigen für die Unbill der Welt, für eigenes Versagen, fürs Sich-ungeliebt- und unzulänglich-fühlen, für Zurückweisung. Bei Primark jedenfalls können sich viele eine Pretty-Woman-Fantasie erfüllen, ohne Richard Geres Kreditkarte zu besitzen. Natürlich sollen wir das so sehen. Sonst würden wir ja nicht so gerne und so viel kaufen (dazu der Hinweis auf einen fabelhaften Essay vom Gurkenkaiser). Aber den Zeigefinger gegen die Primark-Jünger zu heben fällt mir dann doch eher schwer: Who am I to judge?

Auf die Finger schauen erscheint mir da schon sinnvoller und berechtigter: den Bekleidungsketten, den Werbe- und Vermarktungsstrategien und -strategen. Und auch mir selbst, ein bißchen. Etwas mehr kann ich sicher noch vertragen.

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2 Antworten zu “„Shoppen“

  1. TheGurkenkaiser

    So gedanken habe ich auch oft beim klamottenkauf. und bei nahrungsmitteln.

    Übrigens: Habe ich einen Trend ausgelöst, leute beim shoppen zu fotografieren?

    • Dein Artikel hätte dazu bestimmt ein Auslöser sein können! Allerdings sind die Fotos schon einige Monate alt. Ich war so fasziniert von der Tütenflut damals. Und nun kam erst dein Artikel, dann der Guardian – da fielen sie mir wieder ein.

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