Monatsarchiv: Juni 2011

Die Korrekturen, ein Zitat.

Szene nachgestellt

Wenn Bücher, die von allen als „sehr gut“ bezeichnet werden, sich beim Lesen dann auch tatsächlich als sehr gut erweisen, ist das immer ein bißchen langweilig. Zumindest nicht überraschend. Auf der anderen Seite: hab ich dann eben ein sehr gutes Buch gelesen. Es besteht also eigentlich kein Grund zur Klage. Ich war vermutlich einfach – mal wieder – nicht schnell genug, um unter den Ersten zu sein, die das Buch „sehr gut“ fanden. Vor kurzem ging es mir so mit den „Korrekturen“ von Franzen. Das hat viele tolle Stellen, aber diese ist mir besonders aufgefallen:

„Wenn aber der Wendepunkt, die größte Veränderung im eigenen Leben, bloß eine Erkenntnis ist – ist das nicht sonderbar? Wenn sich absolut nichts ändert, nur dass man die Dinge plötzlich mit anderen Augen sieht und weniger ängstlich und weniger angespannt und deshalb insgeheim stärker ist, finden Sie das nicht erstaunlich: dass einem etwas völlig Unsichtbares im eigenen Kopf realer vorkommt als alles, was man je vorher erlebt hat? Sie sehen die Dinge klarer, und gleichzeitig wissen Sie, dass Sie sie klarer sehen. Und mit einem Mal kommen Sie darauf: Das ist sie, die Liebe zum Leben, nichts anderes meinen die, die ernsthaft von Gott sprechen. Solche Momente.“

Die Figur, die das sagt, erzählt gerade einer der Hauptfiguren, dass ihre Tochter von einem Cracksüchtigen gefoltert und ermordert wurde, und wie sie das verarbeitet hat. Das Gespräch findet auf einer Kreuzfahrt statt, durch die sie verhindern will, sich während der Hinrichtung des Tochtermörders in ihrer Heimatstadt aufzuhalten.

Ich kann nicht genau sagen, ob mir der Absatz wegen dieses Kontexts so gut gefällt. Weil er ohne ihn fast schon gefühlig klingt. Ich werde noch ein bißchen darüber nachdenken. Und ich empfehle dieses Buch. Es ist sehr gut.

Kreta, atlantisch.

Die Nachrichten sind gerade voll mit Griechenland – gepaart mit Schlagwörtern irgendwo zwischen Rettung, Krise und Milliarden. Letzte Woche habe ich mir mal einen Eindruck von der Lage vor Ort verschafft, also, genauer: auf Kreta. Zugegeben, der Grund meiner Reise war nicht die wirtschaftliche Lage, also, ähm, nicht vorrangig. Durch allerlei mehr oder weniger lustige Zufälle habe ich nämlich Verwandschaft auf Kreta, und daher war ich bereits zum dritten Mal dort. Und eigentlich ist alles ganz normal. Autos, Bars, Restaurants, Drogerien, Klamotten. Kinofilme, Videospiele, Internetcafés. Touristen, Strand, Meer. Wie wir das so kennen, nur in der mediterranen Variante.

Aber dann. Sitzen wir Abends in einem beliebten Restaurant ganz allein rum, als einzigste Gäste in einem Lokal, dass gut 100 Platz bietet – ich kannte es nur voll. Die Kellnerin warnt uns vor, es gibt vielleicht nicht mehr alles, weil sie ihr Hauptgeschäft jetzt nur noch Mittags machen. Abends kommen nicht mehr so viele. Ist dann aber doch alles da, was wir essen wollen, und der Tisch biegt sich. Andere Gäste kommen trotzdem nicht.

Oder der Supermarkt, der einem Bekannten das Gehalt nicht mehr bezahlen konnte. Jetzt dürfen sie jeden Monat für einen bestimmten Betrag einkaufen. Bis damit das ausstehende Gehalt abgegolten ist, würde es Jahre dauern. Das wird aber nichts, denn auch das kann sich der Supermarkt nun nicht mehr leisten – er ist wohl einfach bald pleite. Und dann fallen mir doch einige Geschäfte auf, die zugemacht habe und deren Schaufenster vergeklebt sind. Andere, internationale Ketten wie Sephora oder Zara, sind schick und leer, mit gelangweilten VerkäuferInnen. Bars und Restaurants an der Hafenpromenade sehen betont modern aus, frisch irgendwo zwischen „Club-“ und „Lounge-Stil“ renoviert und ausgestattet, schon fast aufdringlich um Touristen und einheimische Gäste buhlend.

Das Geld wird zusammengehalten. Manchmal sogar einfach zuhause, vermutlich nicht in der Matratze, sondern irgendwie Erfinderisch. Vielleicht erscheint das Ersparte dort am sichersten, wo man es sehen und fühlen kann. Viele denken auch darüber nach, etwas ins Ausland zu tun. Banken lassen ohne Grund Kreditkartenzahlungen zurückgehen, geben erst nach langen Telefonaten nach, trotz gedeckten Konten. Die Demonstration vor der Markthalle bleibt dagegen recht übersichtlich, der Redende freut sich lautstark über den großen Andrang von ca. 200 Zuhörern. Die Stimmung erscheint weniger rebellisch als vielmehr abwartend, angespannt. Und auch ein bißchen verzweifelt. Niemand weiß so recht, was jetzt eigentlich passiert. Ein sich langsam und dennoch stetig beschleunigender Rutsch in den Abgrund? Oder doch langsam rauf? Natürlich kann ich das nicht mal annähernd wirklich beurteilen. Ich bin keine Griechenland- und auch keine Wirtschaftsexpertin, und habe keine Wochen dort zugebracht, nur ein paar Tage. Aber zumindest kenne ich ein paar wenige Griechen, die in Griechenland leben. Und habe ein bißchen Stimmung eingesogen. Die würde ich, am einfachsten ausgedrückt, mit „nervös“ beschreiben. Nervenaufreibend nervös.

Und wie immer wird mir leicht beschämt klar, wie gut es mir eigentlich geht, und wie oft ich trotzdem das Gefühl habe, alles müsste irgendwie viel besser sein.

 

 

Angst vor Gemüse, Angst um Fisch.

Meer und Meeresgetier lag mir schon immer Herzen. Woher das kommt, kann ich nicht genau sagen. Ein bißchen sind es sicher die umweltbewegten 80er Jahre, mit all den Greenpeace-Stickern und Malwettbewerben zum Waldsterben. Ich nannte etliche „Wale und Delfine“ und „Wunder der Tiefsee“-Sachbücher mein eigen und zierte die Wände mit Walpostern. Und wollte Meeresbiologin werden, aber vermutlich auch, weil das irgendwie exotisch klang. Wer kennt schon eine Meeresbiologin? In den letzten Jahren ist das zurückgekommen (das mit den Meerestieren, nicht die Meeresbiologie – schade eigentlich). Unter anderem gibt es in meinem Umfeld immer mehr Vegetarier, von denen manche nur auf Fleisch verzichten, Fisch aber gerne essen. Find ich ein bißchen unsinnig, zumindest, wenn man ökologische Argumente anführt. Ich las vom Verschwinden des Blauflossenthunfisch, von Schleppnetzen und Langleinen und Beifang und dem ganzen Müll. Und vor allem stellte ich fest, dass es eigentlich niemanden so richtig interessiert. Vielleicht habe ich deswegen ein Herz für Fische: sie kommen mir so unbeachtet vor. Die Außenseiter der als essbar erklärten Tierwelt.

Nun grassiert der böse Keim, und die Menschen hören auf, Gemüse zu essen. Nicht nur die inkriminierten Gurken, Tomaten und Blattsalate und seit neuestem Sprossen (wobei ich den Durchschnittssprossenkonsum ja für überschaubar halte), sondern – so hat es den Anschein – auch so ziemlich alles andere, was irgendwie farbig aus der Erde kommt: Broccoli, Karotten, Erdbeeren, Äpfel… Die Presse rechnet uns seit Tagen den wirtschaftlichen Schaden vor und tut, was sie am liebsten macht: Schuldige suchen, sowohl in den Reihen der Sachverständigen und Politiker_innen als auch in den Reihen von Gemüse und Obst. Als Freizeit-Hypochonder hab ich für die Panik der Leute ziemlich viel Verständnis. Auch für den Unmut von Bauern, Händlern, Restaurantbesitzern, die unvorhergesehene Gewinneinbußen zu beklagen haben. Und das vermutlich: für nix.

Fishspotting

Aber: Heute ist der Welttag des Ozeans. WWF und Greenpeace beschreiben eindrucksvoll, wie schlecht es um die Meere und Fischbestände steht. Und führen auch die wirtschaftlichen und ökologischen Folgen aus, die das haben kann. Eigentlich genug Stoff für ein paar Panikszenarieren. Trotzdem essen die Leute gerade keinerlei Gemüse mehr, nicht etwa Fisch. Wie gesagt, verdenken kann ich es ihnen nicht. Die Bedrohung der Meere ist vermutlich so schlecht zu fassen wie deren Größe vorstellbar ist. Und EHEC ist, auch dank der freundlichen Unterstützung der Qualitätsmedien, so präsent wie es nur geht (dazu sehr treffend mein heutiger Lieblingstweet). Da hat Verbraucher_in natürlich erstmal um die eigene, unmittelbare Haut Angst.

Allerdings, wenn das Gemüse dann bald wieder wohlwollend verzehrt wird (die Spanne für solche Reaktionen ist ja überschaubar), vielleicht mag sich ja dann jemand über die Fische Gedanken machen, wenn schon nicht am vorgesehenen Gedenktag*, dessen Medienecho verhalten blieb. Journalisten zum Beispiel. Wie gesagt: Eine ordentlich panische Ausrufezeichen-Überschrift gibt das Thema allemal her!

*Ähnlich untergegangen wie der Tag ist eine Pressemeldung von McDonalds Österreich: Sie werden ab Oktober 2011 ihren Gästen im Fischburger künftig nur noch MSC-zertifiziertes Filet vorsetzen. Das ist ein guter Schritt, vor allem, weil es McDonalds ist. Leider ist das MSC-Siegel aber in seiner Wirksamkeit nicht unumstritten und unter Feigenblatt-Verdacht. Tja. Wie das immer so ist.

Kindheit O.S.T.

Neulich las ich die Besprechung eines Konzerts von Cat Stevens Yusuf Islam. Mir war bis zu dieser Lektüre gar nicht bewusst, dass er nach seiner Konvertierung zum Islam der Musik fast 20 Jahre entsagt hat und sich der Gitarrenmusik à la Cat Stevens erst wieder seit ein paar Jahren widmet. Aber darum soll es jetzt nicht gehen. Was mich beim Lesen der Rezension unwillkürlich faszinierte, war die schnöde Aufzählung der gespielten Titel (vornehmlich aus den Cat Stevens-Zeiten vor 1978), denn zu jedem Titel startete in meinem Kopf einige passende Songzeilen. Natürlich kann irgendwie jeder Fetzen aus „Father and Son“, „Morning has broken“ oder „Wild World“ mitsingen. Meine Erinnerung holte aber kettenreaktionsartig auch viele Lieder hervor, die noch nicht von irischen Knödelbarden gecovert wurden oder zum Standardrepertoire jeder Pubkaraoke gehören.

Ich weiß natürlich, woher das kam: Meine Mutter hörte in meiner Kindheit sehr viel Cat Stevens, und daran erinnere ich mich gut. Dass allerdings beim bloßen Lesen von Songtiteln ein derartig hartnäckiges Synapsen-Autoplay loslegt, überraschte dann doch.

Und ich frage mich: Wissen Eltern eigentlich, wie sehr sie mit ihrer Musikauswahl der Kindheit auch einen Soundtrack geben?

Naja: vermutlich machen Eltern sich darüber kaum Gedanken. Warum auch? Sie hören eben die Musik, die ihnen gefällt – sie hören ja meist auch die Musik, die ihren Kindern gefällt (oder: von der sie meinen, dass sie ihren Kindern gefällt). Doch Kinderlieder vergehen. Sie hört Mensch in der Kindheit, wenn überhaupt. Später höchstens noch mal aus Spaß, Melancholie, Regression, oder mit den eigenen Kindern. Elternmusik kann uns aber auch in der Jugend und allem, was danach kommt, noch begegnen. Vielleicht auch als eigene Lieblingsmusik. Außerdem: die Eltern sind – egal, wie das Verhältnis ist oder sich entwickelt – in jedem Fall von großer emotionaler Bedeutung. In der Kindheit zumindest. Und so mag auch die Musik, mit der sie uns in unserer Kindheit umgeben, einen besonderen Eindruck auf uns hinterlassen. Mit meinem Cat Stevens Flashback jedenfalls blubberte allerlei Verschwommenes und Vages (und natürlich weitere Musiker_innen und Songs) von recht tief unten hoch und mitten in die Zeitungslektüre. Und damit: ein außerordentlich melancholisches Gefühl.

Melancholisch werden bei Kindheitserinnerungen, das klingt erstmal nicht ungewöhnlich. Aber es war nicht nur sentimentales Zurückschauen – die Erinnerung selbst war ja melancholisch. Und mir wurde dabei erstmals in vollem Maße bewusst, wie furchtbar wehmütig meine Kindheit klingt. Ein Schock! Folk, Gitarren, Liedermacher und Singer-Songwriter: allesamt angetreten, für immer in meinem Unterbewusstsein zu spuken und zu seufzen. Nein, ich glaube meiner Mutter war nicht klar, was sie tat, mit Hannes Wader, mit Milva und Cat Stevens. Mit „Liedern von Frieden und Freiheit“ über müde weiße Tauben und Militärdiktaturen. Liedern, die verlorene Freundschaften, tragische Liebe, die unerreichbar scheinende Freiheit oder – ja, genau – die verlorene Kindheit besingen. Von der Dreigroschenoper will ich gar nicht erst anfangen. Da tun sich Abgründe auf.

Ich kann nur sagen: vielleicht sollte der Jugendschutz darauf mal ein Auge haben. Andererseits: eine Freundin und ich stellten schon vor Jahren fest, dass ein Kindergedicht uns beiden bereits das Herz gebrochen hatte, lange bevor jemand anderes Gelegenheit dazu hatte. James Krüss hat uns einen unbeschwerten Blick auf die Liebe von vornerein versaut. Zugegeben, wir waren vorbereitet. Aber zu einem hohen Preis!

Ich bin noch unsicher: geht das nur mir so? Oder habt Ihr auch einen Kindheitssoundtrack? Hier jedenfalls ein paar Kostproben von meinem.

Zum Abschluss noch was Albernes, um das alles etwas ausgewogener zu machen. Ein Song, bei dem mir Urlaube einfallen – und den ich schon damals irgendwie total doof fand! Jedenfalls hat mich Angelo Branduardi, so fürchte ich, auf immer für italienische Popmusik (naja, Pop?) und weiße Männer mit Afrolook verdorben. Zum Glück gab es damals noch kein Youtube…