Kindheit O.S.T.

Neulich las ich die Besprechung eines Konzerts von Cat Stevens Yusuf Islam. Mir war bis zu dieser Lektüre gar nicht bewusst, dass er nach seiner Konvertierung zum Islam der Musik fast 20 Jahre entsagt hat und sich der Gitarrenmusik à la Cat Stevens erst wieder seit ein paar Jahren widmet. Aber darum soll es jetzt nicht gehen. Was mich beim Lesen der Rezension unwillkürlich faszinierte, war die schnöde Aufzählung der gespielten Titel (vornehmlich aus den Cat Stevens-Zeiten vor 1978), denn zu jedem Titel startete in meinem Kopf einige passende Songzeilen. Natürlich kann irgendwie jeder Fetzen aus „Father and Son“, „Morning has broken“ oder „Wild World“ mitsingen. Meine Erinnerung holte aber kettenreaktionsartig auch viele Lieder hervor, die noch nicht von irischen Knödelbarden gecovert wurden oder zum Standardrepertoire jeder Pubkaraoke gehören.

Ich weiß natürlich, woher das kam: Meine Mutter hörte in meiner Kindheit sehr viel Cat Stevens, und daran erinnere ich mich gut. Dass allerdings beim bloßen Lesen von Songtiteln ein derartig hartnäckiges Synapsen-Autoplay loslegt, überraschte dann doch.

Und ich frage mich: Wissen Eltern eigentlich, wie sehr sie mit ihrer Musikauswahl der Kindheit auch einen Soundtrack geben?

Naja: vermutlich machen Eltern sich darüber kaum Gedanken. Warum auch? Sie hören eben die Musik, die ihnen gefällt – sie hören ja meist auch die Musik, die ihren Kindern gefällt (oder: von der sie meinen, dass sie ihren Kindern gefällt). Doch Kinderlieder vergehen. Sie hört Mensch in der Kindheit, wenn überhaupt. Später höchstens noch mal aus Spaß, Melancholie, Regression, oder mit den eigenen Kindern. Elternmusik kann uns aber auch in der Jugend und allem, was danach kommt, noch begegnen. Vielleicht auch als eigene Lieblingsmusik. Außerdem: die Eltern sind – egal, wie das Verhältnis ist oder sich entwickelt – in jedem Fall von großer emotionaler Bedeutung. In der Kindheit zumindest. Und so mag auch die Musik, mit der sie uns in unserer Kindheit umgeben, einen besonderen Eindruck auf uns hinterlassen. Mit meinem Cat Stevens Flashback jedenfalls blubberte allerlei Verschwommenes und Vages (und natürlich weitere Musiker_innen und Songs) von recht tief unten hoch und mitten in die Zeitungslektüre. Und damit: ein außerordentlich melancholisches Gefühl.

Melancholisch werden bei Kindheitserinnerungen, das klingt erstmal nicht ungewöhnlich. Aber es war nicht nur sentimentales Zurückschauen – die Erinnerung selbst war ja melancholisch. Und mir wurde dabei erstmals in vollem Maße bewusst, wie furchtbar wehmütig meine Kindheit klingt. Ein Schock! Folk, Gitarren, Liedermacher und Singer-Songwriter: allesamt angetreten, für immer in meinem Unterbewusstsein zu spuken und zu seufzen. Nein, ich glaube meiner Mutter war nicht klar, was sie tat, mit Hannes Wader, mit Milva und Cat Stevens. Mit „Liedern von Frieden und Freiheit“ über müde weiße Tauben und Militärdiktaturen. Liedern, die verlorene Freundschaften, tragische Liebe, die unerreichbar scheinende Freiheit oder – ja, genau – die verlorene Kindheit besingen. Von der Dreigroschenoper will ich gar nicht erst anfangen. Da tun sich Abgründe auf.

Ich kann nur sagen: vielleicht sollte der Jugendschutz darauf mal ein Auge haben. Andererseits: eine Freundin und ich stellten schon vor Jahren fest, dass ein Kindergedicht uns beiden bereits das Herz gebrochen hatte, lange bevor jemand anderes Gelegenheit dazu hatte. James Krüss hat uns einen unbeschwerten Blick auf die Liebe von vornerein versaut. Zugegeben, wir waren vorbereitet. Aber zu einem hohen Preis!

Ich bin noch unsicher: geht das nur mir so? Oder habt Ihr auch einen Kindheitssoundtrack? Hier jedenfalls ein paar Kostproben von meinem.

Zum Abschluss noch was Albernes, um das alles etwas ausgewogener zu machen. Ein Song, bei dem mir Urlaube einfallen – und den ich schon damals irgendwie total doof fand! Jedenfalls hat mich Angelo Branduardi, so fürchte ich, auf immer für italienische Popmusik (naja, Pop?) und weiße Männer mit Afrolook verdorben. Zum Glück gab es damals noch kein Youtube…

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