Kreta, atlantisch.

Die Nachrichten sind gerade voll mit Griechenland – gepaart mit Schlagwörtern irgendwo zwischen Rettung, Krise und Milliarden. Letzte Woche habe ich mir mal einen Eindruck von der Lage vor Ort verschafft, also, genauer: auf Kreta. Zugegeben, der Grund meiner Reise war nicht die wirtschaftliche Lage, also, ähm, nicht vorrangig. Durch allerlei mehr oder weniger lustige Zufälle habe ich nämlich Verwandschaft auf Kreta, und daher war ich bereits zum dritten Mal dort. Und eigentlich ist alles ganz normal. Autos, Bars, Restaurants, Drogerien, Klamotten. Kinofilme, Videospiele, Internetcafés. Touristen, Strand, Meer. Wie wir das so kennen, nur in der mediterranen Variante.

Aber dann. Sitzen wir Abends in einem beliebten Restaurant ganz allein rum, als einzigste Gäste in einem Lokal, dass gut 100 Platz bietet – ich kannte es nur voll. Die Kellnerin warnt uns vor, es gibt vielleicht nicht mehr alles, weil sie ihr Hauptgeschäft jetzt nur noch Mittags machen. Abends kommen nicht mehr so viele. Ist dann aber doch alles da, was wir essen wollen, und der Tisch biegt sich. Andere Gäste kommen trotzdem nicht.

Oder der Supermarkt, der einem Bekannten das Gehalt nicht mehr bezahlen konnte. Jetzt dürfen sie jeden Monat für einen bestimmten Betrag einkaufen. Bis damit das ausstehende Gehalt abgegolten ist, würde es Jahre dauern. Das wird aber nichts, denn auch das kann sich der Supermarkt nun nicht mehr leisten – er ist wohl einfach bald pleite. Und dann fallen mir doch einige Geschäfte auf, die zugemacht habe und deren Schaufenster vergeklebt sind. Andere, internationale Ketten wie Sephora oder Zara, sind schick und leer, mit gelangweilten VerkäuferInnen. Bars und Restaurants an der Hafenpromenade sehen betont modern aus, frisch irgendwo zwischen „Club-“ und „Lounge-Stil“ renoviert und ausgestattet, schon fast aufdringlich um Touristen und einheimische Gäste buhlend.

Das Geld wird zusammengehalten. Manchmal sogar einfach zuhause, vermutlich nicht in der Matratze, sondern irgendwie Erfinderisch. Vielleicht erscheint das Ersparte dort am sichersten, wo man es sehen und fühlen kann. Viele denken auch darüber nach, etwas ins Ausland zu tun. Banken lassen ohne Grund Kreditkartenzahlungen zurückgehen, geben erst nach langen Telefonaten nach, trotz gedeckten Konten. Die Demonstration vor der Markthalle bleibt dagegen recht übersichtlich, der Redende freut sich lautstark über den großen Andrang von ca. 200 Zuhörern. Die Stimmung erscheint weniger rebellisch als vielmehr abwartend, angespannt. Und auch ein bißchen verzweifelt. Niemand weiß so recht, was jetzt eigentlich passiert. Ein sich langsam und dennoch stetig beschleunigender Rutsch in den Abgrund? Oder doch langsam rauf? Natürlich kann ich das nicht mal annähernd wirklich beurteilen. Ich bin keine Griechenland- und auch keine Wirtschaftsexpertin, und habe keine Wochen dort zugebracht, nur ein paar Tage. Aber zumindest kenne ich ein paar wenige Griechen, die in Griechenland leben. Und habe ein bißchen Stimmung eingesogen. Die würde ich, am einfachsten ausgedrückt, mit „nervös“ beschreiben. Nervenaufreibend nervös.

Und wie immer wird mir leicht beschämt klar, wie gut es mir eigentlich geht, und wie oft ich trotzdem das Gefühl habe, alles müsste irgendwie viel besser sein.

 

 

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