Die Marion hat nur eine 512 MB Speicherkarte, was machen wir denn jetzt?

Es ist ja längst nicht mehr nur im Sommer Reisezeit. Oft aber doch. Daher: Ein Post zum Thema Reise, unter anderem.

Einer der ersten Blogs, den ich bewusst gelesen habe, war ein Weltreise-Blog Anfang 2006. Blogs an sich kannte ich schon länger, mein erstes eigenes Blog habe ich 2005 gestartet – unsinnigerweise, ohne mich groß für andere Blogs zu interessieren, was irgendwie auch ein Auffindbarkeitsproblem war. Logischerweise fand so auch niemand meinen Blog, aber das ist ein anderes Thema. Der Weltreiseblog war zu diesem Zeitpunkt bereits „abgeschlossen“, die Weltreise etliche Monate zuvor beendet. Da ich mich für einen der Reiseteilnehmer zu diesem Zeitpunkt jedoch stark interessierte, las ich mich noch mal kreuz und quer durch. Damals schien mir die Reisedokumentation ideal für die chronologische Form des Blogs zu sein (bzw. Blogs ideal für Reisedokumentation) – immerhin werden sie noch heute gerne mit dem etwas überholten Ausdruck als „eine Art Tagebuch im Netz“ beschrieben. Jedenfalls ließ sich die Reise darin hübsch nachvollziehen. Und, befeuert durch andere emotionale Desaster, werde ich seit damals periodisch von schlimmem Fernweh heimgesucht. Mehr noch: Fern- und Blogweh. Denn die Welt- oder zumindest längere Fernreise ist heute nicht mehr nur aufgeladen mit Attributen wie tatsächlicher und vermeintlicher Selbsterfahrung, Weltoffenheit und Einmaligkeit, sondern auch untrennbar mit ihrer medialen Dokumentation verbunden. Wenn es nicht dokumentiert ist, hat es auch nicht stattgefunden. Sicher gibt es noch ein paar eingefleischte Backpacker, die allein der Erfahrung wegen ohne Digitalkamera durch die Welt ziehen. Und nicht alle Menschen sind blogaffin. Einige Gigabyte Digitalfotos von Surfers Paradise, Angkor Wat oder der chinesischen Mauer und deren Ausschlachtung in Facebook-Alben sind aber in der Regel zumindest drin.

Die in den letzten Jahren – nach meinem Empfinden – immer populärere (Fern-)Reisekultur lässt sich wunderbar zerpflücken: mehr oder weniger junge, einigermaßen gutsituierte Menschen aus der westlichen Welt, die vornehmlich in ärmere bzw. möglichst ferne Länder reisen, auf der Suche nach dem Authentischen, dem einmaligen Moment („die perfekte Welle“, „Sommer des Lebens“ etc.), nach so genannter Lebenserfahrung. Mal etwas anderes sehen, andere Lebensweisen, andere Werte, die den Blick auf die eigene Gesellschaft und das eigene Leben ändern, im besten Falle. Das hält dann vermutlich so 1-2 Wochen nach der Heimkehr an, aber dafür können sie sich interkulturelle Kompetenz in den Lebenslauf schreiben. Eigentlich haben sie das meiste auf dem Display der Digitalkamera gesehen, denn der einmalige Moment kommt ja vielleicht nie wieder, außer dass er sich nahezu identisch auf ungezählten Urlaubsfotodateien weltweit wiederfindet. Weltgeschehen, soziale Fragen oder Umweltschutz blieben außen vor – darüber kann mensch sich zu weniger einmaligen Zeiten sorgen. Statt mit Einheimischen haben sich die Reisenden mit anderen Backpackern darüber ausgetauscht, wer das günstigste Hostel und wer das authentischste Erlebnis aufgespürt hat. (Oder ob alle genug Speicherkapazität dabei haben – einem solchen Gespräch musste ich in einem vietnamesischen Reisebus beiwohnen, s.o.).

Sich darüber zu mockieren ist einfach. Sich dabei zu fühlen, als sei frau primär grün vor Neid, allerdings auch. Das hängt sicher auch mit eingangs beschriebener emotionaler Verstrickung zusammen: es gibt da nicht nur die Weltreise, die ich noch nicht gemacht habe, sondern auch den Weltreisenden, den ich nicht haben konnte. Er ist Vergangenheit, die Reiselust blieb. Denn ganz davon abgesehen birgt der Fluchtmoment einer längeren Reise (und deren digitale Dokumentation) eben unbestreitbare Verlockungen – weg zu sein und gleichzeitig für alle nur noch im Internet da sein, während im Subtext steht: ich bin nicht da, aber ihr dürft mir gerne dabei zugucken. Mit der Tradition des Reiseberichts hat das oft nur noch bedingt etwas zu tun: weniger Reflektion, mehr Dokumentation. Es muss ja meist schnell gehen, sonst geht die Unmittelbarkeit verloren.

Gereist bin ich seit 2006 zwar ein bißchen, aber immer fehlte etwas – Zeit, Geld, Mut. Nun, wer weiß. Sollte es zur längeren Abwesehenheit kommen, werde ich in jedem Fall im Internet darüber berichten. So wie die Journalistin Meike Winnemuth, die mich zu diesem Post inspiriert hat. Sie hat bei Günther Jauch eine halbe Million gewonnen und lebt nun ein Jahr in zwölf verschiedenen Städten auf der ganzen Welt. Darüber berichtet sie in ihrem Blog Vor mir die Welt. Das liest sich schön (immerhin berichtet die Dame sonst auch beruflich) und macht mich ein bißchen grün um die Nase. Ich bin wohl doch einfach eine missgünstige Person!

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