Monatsarchiv: August 2011

#DIY oder: niemand hört auf Tocotronic.

Vor ein paar Tagen ausgelesen: das Buch „Hab ich selbst gemacht. 365 Tage, 2 Hände, 66 Projekte“ von Susanne Klingner. Darin dokumentiert sie ihr Experiment, ein Jahr lang so viel wie möglich selbst zu machen. Von naheliegenden Tätigkeiten wie Brotbacken, die sich in ihrer ständigen Wiederholung allerdings als ganz schön anstrengend herausstellen, bis hin zu ausgefalleneren Selbstmacharbeiten wie Käsen, Schustern und Seife kochen probiert sie alles mögliche aus, und beschreibt die Frust- und Erfolgsmomente wunderbar ehrlich und sympathisch. Nebenbei macht sie sich kluge Gedanken über den anhaltenden Trend zum Selbermachen, warum Stricken auf einmal cool ist (aber sie sich zunächst trotzdem altbacken fühlt), und welche Ursprünge die DIY-Lust haben könnte. Sehr interessant fand ich dabei, was ihr nach einiger Zeit beim Streifen durch ein Kaufhaus durch den Kopf geht:

„Ich fürchte, ich habe den Draht zur Konsumgesellschaft verloren. Einerseits war ein bißchen Abstand ja einer der Gründe für mein Experiment. Andererseits fühle ich mich in diesem Moment auch irgendwie ausgeschlossen – so als sei ich nur zu Besuch im ganz normalen Alltag der anderen Menschen. Ich habe das Gefühl: Konsumieren hält alles zusammen. Es ist das, was alle Menschen tun. Sie gehen arbeiten, um Geld zu verdienen, um Dinge zu kaufen. Konsum ist Teil unseres gesellschaftlichen Kreislaufs.“

Das mag sich zuerst nicht nach einer bahnbrechend neuen Erkenntnis anhören. Es ist aber schon etwas, das Leute nicht besonders gerne aussprechen. Wir tun gerne mal so, als wäre uns das alles nicht so wichtig mit dem Konsum. Als wäre dies nur eine Notwendigkeit und keine Sache, die vieler Menschen einzigste Vorstellung von Freizeitgestaltung ist – oder von gesellschaftlichem und persönlichem Erfolg. Kaufen kann eben auch glücklich machen. Was es bedeuten kann, davon ausgeschlossen zu sein (oder sich dagegen zu entscheiden), davon erhält man bei Susanne Klingner eine Ahnung. Und dazu gibt’s jede Menge Ideen, was Mensch nun selbst mal machen könnte. Ich zumindest fühlte mich an diverse Ideen gemahnt, die mir eh schon lange durch den Kopf gingen, und noch ehe ich halb durch war, juckte es mich stark in den Fingern.


Trotzdem kam es mir erstmal sehr gelegen, dass in dieser Woche auch die Ausstellung DIY – Die Mitmachrevolution im Museum für Kommunikation Frankfurt eröffnet hat. Da konnte ich am Thema dran bleiben, aber trotzdem erstmal passiv weiterkonsumieren. Die Ausstellung widmet sich der Geschichte des Selbstmachens bis hin zu seinen aktuellen, modernen Formen, und fächert den Begriff in viele unterschiedliche Facetten auf: nicht nur das Selbermachen als Hobby, sondern auch dessen Notwendigkeit in Zeiten des Mangels, die wirtschaftliche Nutzung in der Selbstbedienung, die Bedeutung in Protestkulturen bis hin zu neuesten Formen in Open Source Projekten (z.B. bausteln), Plattformen wie etsy oder „Online Customization“. Dabei hab ich einiges für mich Neues entdeckt – zum Beispiel die fabelhaften „IKEA Hacks“. Ebenfalls spannend ist, wie sich in der Geschichte der Selbermachkultur Geschlechterstereotype manifestieren. Klar: Mädchen häkeln, Jungen werkeln. Klingt nach 50er Jahre, dabei wird Selbermachspielzeug ja heute (wieder? noch?) oft genug und bedauerlicherweise genauso gegendert (Perlenset für Mädchen, Laubsäge für Jungs). Und obwohl z.B. der allgemeine Kochtrend eigentlich für eine Auflösung der Zuschreibungen sorgen könnte, gibt es ja nun auch eine fleischige Kochzeitschrift für männliches Kochen. Was auch immer das sein mag…

In jedem Fall gibt es bei der DIY-Ausstellung auf gar nicht mal so viel Raum sehr viel zu entdecken und zu gucken – noch bis 19.02.2012 in Frankfurt/M., dann ab 30.03.2012 in Berlin. Ach ja, und von wegen „passiv konsumieren“ – was zum Mitmachen gibts natürlich auch. Dafür war’s nur an der Eröffnung zu voll. Also Vorsicht: gesteigerter Selbstmachdrang kann die Folge sein! Immerhin wird hier nicht weniger als eine Revolution ausgerufen. Vielleicht poste ich demnächst ja mal ein paar verpatzte Resultate…

Mehr Ausstellungseindrücke:

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Something about parents.

tumblr-Fotoblogs, die sich einem einzigen speziellen Thema widmen, gehören bisweilen zum Lustigsten, Subtilsten und Entlarvendsten, was Menschen dieser Tage so ins Netz stellen. Die Wiederholung eines bestimmten Bildmotivs in allerlei Variationen entfaltet in meinem Augen oft mehr Aussagekraft als manche kulturwissenschaftliche Abschlussarbeit oder journalistische Reportage.

Einer meiner Lieblinge ist „My parents were awesome“. Dort werden Bilder von Eltern und Großeltern gezeigt, als sie jung und cool waren, eingereicht von Menschen rund um den Globus. Was auf den ersten Blick aussieht wie eine etwas kitschige Liebeserklärung an die eigenen Eltern, ist aber eigentlich eher bittersüss (oder je nach dem: ziemlich bitter). Denn ein solcher Moment, in dem die Eltern jung, glücklich und ausgelassen waren, geht ja Hand in Hand mit der Frage, wieviel davon wohl heute noch übrig ist. Welche Paare sich womöglich nicht mal mehr zusammen in einem Haus aufhalten wollen, geschweige denn zusammen auf einem Foto. Und wieviele Menschen oft genug doch nicht so glücklich waren. Aber, egal was war oder was wurde, in dem Moment sah alles richtig gut aus. All das, was im Laufe eines (Familien-)Lebens verloren gehen kann, ist in den Fotos als Möglichkeit erkennbar. Und nach der sehnen sich vermutlich viele.

Dieses Foto entstand Silvester 1967.
Just awesome.

 

Sommerbeine! Die ganze Wahrheit.

Endlich Sommer! Zumindest in meiner Region ist er wie wild ausgebrochen dieses Wochenende. Das ist toll, bedeutet aber für mich auch, dass ich jeden Morgen ein bißchen länger unter der Dusche und manchmal auch ein Pflaster brauche. Denn irgendwann wurde eben beschlossen, dass meine Beinbehaarung unästhetisch ist, die meines Mitbewohners aber nicht. Dabei ist es damit ja meist gar nicht getan. Die Anforderungen in Werbung und Frauenzeitschriften an das so genannte „Sommerbein“ sind hoch und schon mit mehrwöchigem Pflegeprogramm kaum zu erfüllen. Um uns also vor allzu viel Stress zu bewahren – hier nun: die ganze Wahrheit über Sommerbeine.

So siehts aus.

«Publisexisme ordinaire»

Neulich in Paris (schon wieder) regte ich mich ein bißchen über eine Reihe von großformatigen Schmuckwerbungen in der Metro auf, aus denen im wesentlichen hervorgeht, dass Frauen sich erst durch teure Schmuckgeschenke (vierstellig) richtig doll verlieben und Verliebte solch schmachtende Blicke, wie sie die Frauen von den Plakaten werfen, ohne Brillianten eben nicht erwarten können (und andere Zuwendung vermutlich auch nicht). Frauen wollen halt reich dekoriert werden, sonst werden sie nicht warm. Kennen wir ja. Das ist im Bereich der Schmuckwerbung zwar relativer Standard, aber das macht es kaum weniger nervig.

Nun hat mein Korrespondent in Paris eines der Plakate fotografiert, auf dem sich offensichtlich ein_e Gleichgesinnte_r aus Frankreich mit dem Spruch „Publisexisme ordinaire“ verewigt hat (leider nicht so gut zu erkennen). Das Plakat mag für sich genommen kein besonders großer Aufreger sein (mehr die Gesamtaussage dieser Schmuckkampagne, s.o.). Besonders interessant finde ich daran aber, dass in Frankreich offenbar ein eigenes Wort für Sexismus in der Werbung kreiert wurde – Publisexisme, das kennt sogar die Wikipedia. Damit wird das Problem als solches manifest.

Angesichts dessen, was uns Axe und Co. auch hier immer wieder vor die Nase setzen, denke ich stark über eine Übernahme nach. Wobei, „sexistische Kackscheisse“ lief ja bisher eigentlich ganz gut…

 

Gute Mädchen kommen in den Himmel, Kommunistinnen in den Weltraum.

Kürzlich in Paris sah ich mich erneut mit dem Luxusproblem der Kulturauswahl konfrontiert. Am Ende trug die Wissenschaft den Sieg davon und anlässlich des 50. Jubiläums des ersten (mit Yuri Gagarin) bemannten Raumflugs landeten wir im „Palais de la Découverte“, einem sehr interaktiven Wissenschaftsmuseum im Grand Palais. (Das den Sciencenerd in mir begeistert, aber naturgemäß voller Kinder ist, die alles ausprobieren ohne sich die Bedeutung der Experimente durchzulesen – sowas!).

Die Yuri Gagarin-Ausstellung war zwar schlussendlich nicht mehr als ein paar Fotos, Videos und Schautafeln mit James-Bond-Feeling, aber für mich trotzdem voller Funfacts wie dem, dass der erste bemannte Raumflug ja nur durch die ambitionierten Rüstungsprogramme, genauer die ballistische R7-Interkontinentalrakete, möglich war. Mit der hätte Russland im Fall des Falles die USA in die Luft jagen können, ohne dafür den Zwiebelturm zu verlassen. In der Zwischenzeit schickten sie damit magenstarke Helden des Sozialismus in den Orbit, das machte den USA auch schon etwas Angst. Ein allemal friedlicherer Einsatz, dem aber auch etwas sinnfreies anhaftet (heute wäre das anders: Yuri Gagarin hätte einfach getwittert „Weil ich es kann.“).

Und, dort hörte ich auch zum ersten Mal von der ersten Frau im Weltall. Fast jedeR kennt Gagarin, Neil Armstrong und spätestens seit „Goodbye Lenin“ auch Sigmund Jähn, aber zumindest mir war Walentina Wladimirowna Tereschkowa zuvor noch kein Begriff. Nur zwei Jahre nach Gagarin hielt sie sich fast drei Tage im Orbit auf und umrundete dabei die Erde 49 Mal (Gagarin: zweimal). Sie war Hobbyfallschirmspringerin und machte ihre Ausbildung zur Technikerin in der Abendschule neben ihrer täglichen „Frauenarbeit“ in einer Spinnerei. Nach dem Technikdiplom schaffte sie 1962 die Aufnahme an der Kosmonautenschule. Gelebte Emanzipation. Auf den Raumflug folgte die steile Sowjet-Karriere: Ingenieursstudium bei der Luftwaffe, später Mitglied im Obersten Sowjet, im Zentralkommitee und und und. Außerdem geheiratet, Kind bekommen, scheiden lassen, wieder geheiratet. Und nach dem Fall der UdSSR einfach weitergemacht: Sie leitete für 10 Jahre das „Russische Zentrum für internationale kulturelle und wissenschaftliche Zusammenarbeit“ und sitzt heute als Abgeordnete der Putin-Partei „Einiges Russland“ in der Duma. Politisch ist sie also vermutlich nicht unbedingt – sanft. In Anbetracht ihrer Karriere in der Sowjetunion hat sie vielleicht an Unrecht mitgewirkt. Und tut das vielleicht noch heute. Ich weiß es nicht. Aber ihren Namen will ich mir jetzt trotzdem merken.

Neben Meeresbiologin und Ballerina war Astronautin einer meiner Berufswünsche als Kind. Es scheiterte aber an schlechten Physiknoten (heute weiß ich: an den Physiklehrern, klar), zudem an Angst vor Geschwindigkeit sowie Höhen-, Flug- und Platzangst. Tja.

PS: If in Paris – ab September/Oktober geht es dann auch im restlichen Grand Palais weiter mit Ausstellungen. Unter dem Oberbegriff „Le Grand Palais sort le Grand Jeu“ gibt es u. a. die Ausstellung „Game Story. Une Histoire du Jeu Vidéo“ (Ausstellung zur Geschichte des Videospiels). Vielversprechend…