Gute Mädchen kommen in den Himmel, Kommunistinnen in den Weltraum.

Kürzlich in Paris sah ich mich erneut mit dem Luxusproblem der Kulturauswahl konfrontiert. Am Ende trug die Wissenschaft den Sieg davon und anlässlich des 50. Jubiläums des ersten (mit Yuri Gagarin) bemannten Raumflugs landeten wir im „Palais de la Découverte“, einem sehr interaktiven Wissenschaftsmuseum im Grand Palais. (Das den Sciencenerd in mir begeistert, aber naturgemäß voller Kinder ist, die alles ausprobieren ohne sich die Bedeutung der Experimente durchzulesen – sowas!).

Die Yuri Gagarin-Ausstellung war zwar schlussendlich nicht mehr als ein paar Fotos, Videos und Schautafeln mit James-Bond-Feeling, aber für mich trotzdem voller Funfacts wie dem, dass der erste bemannte Raumflug ja nur durch die ambitionierten Rüstungsprogramme, genauer die ballistische R7-Interkontinentalrakete, möglich war. Mit der hätte Russland im Fall des Falles die USA in die Luft jagen können, ohne dafür den Zwiebelturm zu verlassen. In der Zwischenzeit schickten sie damit magenstarke Helden des Sozialismus in den Orbit, das machte den USA auch schon etwas Angst. Ein allemal friedlicherer Einsatz, dem aber auch etwas sinnfreies anhaftet (heute wäre das anders: Yuri Gagarin hätte einfach getwittert „Weil ich es kann.“).

Und, dort hörte ich auch zum ersten Mal von der ersten Frau im Weltall. Fast jedeR kennt Gagarin, Neil Armstrong und spätestens seit „Goodbye Lenin“ auch Sigmund Jähn, aber zumindest mir war Walentina Wladimirowna Tereschkowa zuvor noch kein Begriff. Nur zwei Jahre nach Gagarin hielt sie sich fast drei Tage im Orbit auf und umrundete dabei die Erde 49 Mal (Gagarin: zweimal). Sie war Hobbyfallschirmspringerin und machte ihre Ausbildung zur Technikerin in der Abendschule neben ihrer täglichen „Frauenarbeit“ in einer Spinnerei. Nach dem Technikdiplom schaffte sie 1962 die Aufnahme an der Kosmonautenschule. Gelebte Emanzipation. Auf den Raumflug folgte die steile Sowjet-Karriere: Ingenieursstudium bei der Luftwaffe, später Mitglied im Obersten Sowjet, im Zentralkommitee und und und. Außerdem geheiratet, Kind bekommen, scheiden lassen, wieder geheiratet. Und nach dem Fall der UdSSR einfach weitergemacht: Sie leitete für 10 Jahre das „Russische Zentrum für internationale kulturelle und wissenschaftliche Zusammenarbeit“ und sitzt heute als Abgeordnete der Putin-Partei „Einiges Russland“ in der Duma. Politisch ist sie also vermutlich nicht unbedingt – sanft. In Anbetracht ihrer Karriere in der Sowjetunion hat sie vielleicht an Unrecht mitgewirkt. Und tut das vielleicht noch heute. Ich weiß es nicht. Aber ihren Namen will ich mir jetzt trotzdem merken.

Neben Meeresbiologin und Ballerina war Astronautin einer meiner Berufswünsche als Kind. Es scheiterte aber an schlechten Physiknoten (heute weiß ich: an den Physiklehrern, klar), zudem an Angst vor Geschwindigkeit sowie Höhen-, Flug- und Platzangst. Tja.

PS: If in Paris – ab September/Oktober geht es dann auch im restlichen Grand Palais weiter mit Ausstellungen. Unter dem Oberbegriff „Le Grand Palais sort le Grand Jeu“ gibt es u. a. die Ausstellung „Game Story. Une Histoire du Jeu Vidéo“ (Ausstellung zur Geschichte des Videospiels). Vielversprechend…

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3 Antworten zu “Gute Mädchen kommen in den Himmel, Kommunistinnen in den Weltraum.

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  2. “ heute weiß ich: an den Physiklehrern, klar)“

    Es würde mich interessieren, wie du zu dieser Erkenntnis gekommen bist.
    Was hätten die Physiklehrer denn anders machen sollen?
    Meinst du es gibt so etwas wie ein „Physiktalent“ nicht?

  3. Hallo. Sorry, hat etwas gedauert. Also: Ich denke natürlich schon, dass es so etwas wie Physiktalent gibt. Aber nicht, dass es etwas geschlechtsspezifisches ist. In meiner Schulzeit hab ich das aber durchaus gedacht – weil es ein weit verbreitetes Stereotyp ist, dem auch viele Lehrer noch anhängen. Mein Einschub oben ist natürlich ironisch überspitzt. Ich wäre vermutlich keine große Physikerin geworden. Trotz allem hatte ich einen Lehrer, der darauf auch nicht besonders wert zu legen schien. Während andererseits eine sehr ambitionierte Chemielehrerin durchweg Mädchen (darunter mich) ebenso wie Jungs für Chemie-LKs begeisterte. Das ist natürlich nur ein Einzelfall, aber es gibt einige Forschung (nachzulesen z.B. bei Natasha Walter), die bspw. aufzeigt, wie stark die Leistung von Mädchen/Frauen in naturwissenschaftlichen Fächern davon abhängig ist, dass sie glauben, darin nicht begabt zu sein (weil dies das gängige Stereotyp ist). Sobald sie in Tests vermittelt bekommen, dass Frauen darin für gewöhnlich gut abschneiden, wird ihre Leistung besser. Und ich denke, beim Stereotyp „Jungs sind schlecht in Sprachen“ o.ä. ist es nicht anders.

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