#DIY oder: niemand hört auf Tocotronic.

Vor ein paar Tagen ausgelesen: das Buch „Hab ich selbst gemacht. 365 Tage, 2 Hände, 66 Projekte“ von Susanne Klingner. Darin dokumentiert sie ihr Experiment, ein Jahr lang so viel wie möglich selbst zu machen. Von naheliegenden Tätigkeiten wie Brotbacken, die sich in ihrer ständigen Wiederholung allerdings als ganz schön anstrengend herausstellen, bis hin zu ausgefalleneren Selbstmacharbeiten wie Käsen, Schustern und Seife kochen probiert sie alles mögliche aus, und beschreibt die Frust- und Erfolgsmomente wunderbar ehrlich und sympathisch. Nebenbei macht sie sich kluge Gedanken über den anhaltenden Trend zum Selbermachen, warum Stricken auf einmal cool ist (aber sie sich zunächst trotzdem altbacken fühlt), und welche Ursprünge die DIY-Lust haben könnte. Sehr interessant fand ich dabei, was ihr nach einiger Zeit beim Streifen durch ein Kaufhaus durch den Kopf geht:

„Ich fürchte, ich habe den Draht zur Konsumgesellschaft verloren. Einerseits war ein bißchen Abstand ja einer der Gründe für mein Experiment. Andererseits fühle ich mich in diesem Moment auch irgendwie ausgeschlossen – so als sei ich nur zu Besuch im ganz normalen Alltag der anderen Menschen. Ich habe das Gefühl: Konsumieren hält alles zusammen. Es ist das, was alle Menschen tun. Sie gehen arbeiten, um Geld zu verdienen, um Dinge zu kaufen. Konsum ist Teil unseres gesellschaftlichen Kreislaufs.“

Das mag sich zuerst nicht nach einer bahnbrechend neuen Erkenntnis anhören. Es ist aber schon etwas, das Leute nicht besonders gerne aussprechen. Wir tun gerne mal so, als wäre uns das alles nicht so wichtig mit dem Konsum. Als wäre dies nur eine Notwendigkeit und keine Sache, die vieler Menschen einzigste Vorstellung von Freizeitgestaltung ist – oder von gesellschaftlichem und persönlichem Erfolg. Kaufen kann eben auch glücklich machen. Was es bedeuten kann, davon ausgeschlossen zu sein (oder sich dagegen zu entscheiden), davon erhält man bei Susanne Klingner eine Ahnung. Und dazu gibt’s jede Menge Ideen, was Mensch nun selbst mal machen könnte. Ich zumindest fühlte mich an diverse Ideen gemahnt, die mir eh schon lange durch den Kopf gingen, und noch ehe ich halb durch war, juckte es mich stark in den Fingern.


Trotzdem kam es mir erstmal sehr gelegen, dass in dieser Woche auch die Ausstellung DIY – Die Mitmachrevolution im Museum für Kommunikation Frankfurt eröffnet hat. Da konnte ich am Thema dran bleiben, aber trotzdem erstmal passiv weiterkonsumieren. Die Ausstellung widmet sich der Geschichte des Selbstmachens bis hin zu seinen aktuellen, modernen Formen, und fächert den Begriff in viele unterschiedliche Facetten auf: nicht nur das Selbermachen als Hobby, sondern auch dessen Notwendigkeit in Zeiten des Mangels, die wirtschaftliche Nutzung in der Selbstbedienung, die Bedeutung in Protestkulturen bis hin zu neuesten Formen in Open Source Projekten (z.B. bausteln), Plattformen wie etsy oder „Online Customization“. Dabei hab ich einiges für mich Neues entdeckt – zum Beispiel die fabelhaften „IKEA Hacks“. Ebenfalls spannend ist, wie sich in der Geschichte der Selbermachkultur Geschlechterstereotype manifestieren. Klar: Mädchen häkeln, Jungen werkeln. Klingt nach 50er Jahre, dabei wird Selbermachspielzeug ja heute (wieder? noch?) oft genug und bedauerlicherweise genauso gegendert (Perlenset für Mädchen, Laubsäge für Jungs). Und obwohl z.B. der allgemeine Kochtrend eigentlich für eine Auflösung der Zuschreibungen sorgen könnte, gibt es ja nun auch eine fleischige Kochzeitschrift für männliches Kochen. Was auch immer das sein mag…

In jedem Fall gibt es bei der DIY-Ausstellung auf gar nicht mal so viel Raum sehr viel zu entdecken und zu gucken – noch bis 19.02.2012 in Frankfurt/M., dann ab 30.03.2012 in Berlin. Ach ja, und von wegen „passiv konsumieren“ – was zum Mitmachen gibts natürlich auch. Dafür war’s nur an der Eröffnung zu voll. Also Vorsicht: gesteigerter Selbstmachdrang kann die Folge sein! Immerhin wird hier nicht weniger als eine Revolution ausgerufen. Vielleicht poste ich demnächst ja mal ein paar verpatzte Resultate…

Mehr Ausstellungseindrücke:

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3 Antworten zu “#DIY oder: niemand hört auf Tocotronic.

  1. gibt es auch einen ausstellungsband dazu, den man sich leisten kann?

    • Ja, der ist auch (für einen Ausstellungsband) gar nicht so teuer, 17 Euro oder so. Und natürlich bietet er Möglichkeiten zur Selbstgestaltung! Besitze ihn allerdings nicht.

  2. Pingback: In Blogs und Zines | DIY: Die Mitmach-Revolution

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