Monatsarchiv: Oktober 2011

Dieses schöne Unbehagen.

Hier jetzt auch noch.

Charlotte Roche soll auf der Buchmesse omnipräsent gewesen sein, mir ist sie leider nicht begegnet. Auch das Rundum-Sorglos-Paket der SPIEGEL-Berichterstattung zu ihrem neuen Buch habe ich nicht verfolgt. Schaulustige, die ich bin, las ich allerdings den „Hallo Charlotte“-Brief von Alice Schwarzer. Drauf  wurde ich dann auch aufs Buch neugierig. Zu dem wurde nun schon alles vorwärts und rückwärts diskutiert – ich bin spät dran. In Unkenntnis der meisten Feuilleton-Artikel sind meine Gedanken aber noch einigermaßen unverstellt. „Feuchtgebiete“ fand ich gar nicht so schlecht: Literarisch nur lala, aber diese Wonne, mit der Roche den Finger genau dahin legt, wo es eklig wird und alle „Iieh“ und „Äähh“ schreien. Trotzdem habe ich mich damals gewundert (allerdings nur ein bißchen), dass vor allem über Analrasur, Avocadokern-Dildos und Menstruationsblut geschrieben wurde, während es doch eigentlich um eine junge Frau geht, die über die Trennung der Eltern und einen traumatischen Selbstmordversuch der Mutter nicht hinwegkommt.

Dieser Selbstmordversuch, bei dem die Mutter auch den kleineren Bruder gleich mit zu töten versucht, wird auch in „Schoßgebete“ erwähnt – nur einmal, unauffällig reingeschmuggelt, geht es doch um noch viel katastrophalere Traumata. Die liegen als derartig dunkler Schatten über dem Buch, dass ich mich schon frage, wie Frau Schwarzer zu ihrem Brieflein kommt. Diese Ebene des Buches, die Beschreibung des Unfalltodes der drei jüngeren Brüder, das Elend, in das er eine Familie stürzt, der fast nicht auszuhaltende Wahnsinn einer solchen Erfahrung – scheint an Schwarzer recht vorbeizugehen. Davon abgesehen, dass sie keinerlei Unterschied zwischen Romanfigur und Autorin macht, ist auch bemerkenswert, was sie alles auslässt. Und was sie so rauspickt – lauter Schwarzer-Köder: Bordellbesuch! Brasilianische Prostituierte! Heizdeckensex! Übermütter! Ach ja.

„Schoßgebete“ funktioniert im Prinzip ähnlich wie „Feuchtgebiete“: es gibt eine sehr persönliche Erzählebene, und eine, die eher Allgemeines, Provokatives verhandelt. Auf mehr oder weniger brachiale Weise werden bei Roche Vorstellungen und Muster in Frage gestellt – sei es nun zu Körpergefühlen und Hygiene (in Feuchtgebiete) oder zu, so hab ich es jedenfalls gelesen, Familienleben, Monogamie und ehelichem Sex, wie und ob dies alles funktioniert. Das formt eine Art provokative Kruste, die gegen Ende zwar etwas redundant und langatmig ist, aber mit netten Spitzen gespickt. („Alice Schwarzer sitzt immer beim Sex zwischen mir und meinem Mann und flüstert mir ins Ohr: ‚Ja, Elizabeth, das denkst du nur, dass du jetzt einen vaginalen Orgasmus hast, das bildest du dir nur ein, um dich deinem Mann und seinem Machtschwanz zu unterwerfen.'“ Find ich ja ganz lustig.) Wie Frau S. nun aber Angst haben kann, dass Roches Leserinnen dies als „Rezept“ verstehen könnten, bleibt ein Rätsel, ist doch die Überspitzung und Ironie offensichtlich. Ebenso wie die unter dieser Kruste liegende Geschichte, die traurig, traumatisch, fürchterlich ist. Die jeden Gedanken bestimmt, den die Romanfigur Elizabeth zur Erhaltung (und Zerstörung) ihrer Selbst und ihrer Familie hat. Hierin finde ich die stärksten Passagen des Buches, die zu lesen bisweilen weh tut (dazu und auch zum Thema Tabubruch in Schoßgebete interessant: der Text von Kadda im Freitag). Wie sie präzise bestimmte Gefühle seziert mag jahrelanger Therapieerfahrung geschuldet sein – nachvollziehen kann sie vermutlich auch, wer deutlich weniger katastrophale Schicksalsschläge kennengelernt hat.

„Immer in einer Sonderstellung. Wie eine Heilige. Alle sollen denken: Ich beiße mich durch. Ich lasse mich nicht unterkriegen. Ich gebe nicht auf, und dafür werde ich bewundert. Es ist auch wirklich schön, bis heute, so wei ein Überwesen bemitleidet zu werden, sodass ich mich auch schon ein bisschen freue, irgendwann mein Kind zu betrauern und meinen Mann.“

In Schicksalsschlägen und schmerzhaften Veränderungen kann eben auch ein Moment der Erhebung liegen: Gezeichnet, herausgehoben zu sein. Es überstanden und ausgehalten zu haben. Traumatisiert zu sein, vielleicht, aber eben auch besonders. Ein schambehaftetes, paradoxes, verbotenes Gefühl: die Sucht nach Mitleid. Ein schönes Gefühl inmitten von schlimmen. Wie Roche dies beschreibt, ist faszinierend und erschütterend: wie ein Blick in den Abgrund.

Ob manche Leser_innen diesen Blick nicht wagen wollen oder keine solchen Abgründe besitzen (bzw. dies meinen), darüber zu spekulieren ist müßig. Ich hoffe jedenfalls, Charlotte Roche steckt auch in Zukunft ihre Finger in die richtig dunklen Stellen. Sie vermag so ein grundsätzliches Unbehagen auszulösen. Das gefällt mir schon allein, weil sie damit Kritiker_innen aus der Reserve lockt, die versuchen, die Unbehaglichkeit mit Herablassung herunterzuspielen und zu bändigen (und dabei selbst ganz schön durchsichtig werden).

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Suchspiel zur Buchmesse oder: gläserne Buchdecke(l).

Zur Buchmesse kaufe ich mir gerne eine oder mehrere Zeitungen mit Buchmessensonderbeilage. Weniger, weil ich so gerne Dutzende Buchbesprechungen lese, als vielmehr zur Einstimmung auf den alljährlichen Buchmessenzirkusbesuch. Letztes Jahr fiel mir dabei in der Beilage der ZEIT eine recht aufwändige Anzeigenkampagne (denn worum geht es sonst in Buchmessenbeilagen?) des renommierten Carl Hanser Verlags auf. Deren Schwerpunkt fand ich so frappierend, dass ich ihn (für den damaligen Blog) gleich an Ort und Stelle (Zug) in schlechten Photobooth-Fotos festhalten musste. Dort gab es…

 

 

 

 

…sieben Mal Werbung für Schriftsteller. Und für Schriftstellerinnen gab es…

  …null.

Daraus lassen sich zwei Schlüsse ziehen. 1.) Frauen haben Werbung bestimmt gar nicht nötig. 2.) Es gibt vermutlich einfach nicht genug gute Schriftstellerinnen, die der Hanser Verlag unter Vertrag nehmen könnte. Moment, mir ist noch eine dritte Möglichkeit eingefallen. 3.) Der Hanser Verlag ist ein verknöcherter Hort des Patriarchats, in dem das Marketing davon ausgeht, potentielle Leserinnen und Leser verbinden mit „großer Literatur“ und „ehrwürdigem Verlagshaus“ eher Autoren als Autorinnen.

Um der Sache mehr Weiblichkeit zu verleihen, hab ich dann einfach dem Typen mit den längsten Haaren Wimpern aufgemalt und den Bart zugehalten (passend dazu: der undamenhaft abgesplitterte Nagellack).

 Da ich aber keiner weiteren Beilage habhaft werden konnte, scheint mir das irgendwie keine praktikable Lösung.

Nun war ich dieses Jahr natürlich neugierig. Hab mir wieder die ZEIT gekauft, mit der Beilage. Die Hanser Werbung gesucht und gefunden. Durchgezählt. Schlechte Photobooth-Fotos gemacht. Siehe da…

 

 

 

…sieben Mal Männer. Aber immerhin…

…eine Frau. Hey: ist ja jetzt auch 2011.

Lieblingsstreberinnen

Yoko Tsuno Jadzia Dax
Quelle: persephonemagazine.com, en.memory-alpha.org

Seit es das MISSY MAGAZINE gibt, habe ich eine Lieblingsrubrik (die trägt das sogar schon im Namen) – die „Lieblingsstreberinnen“. In jedem Heft gibt es eine Hommage an eine Mädchen- oder Frauenfigur aus der Popkultur, die durch Wissensdurst, Intellekt, Schlagfertigkeit und insgesamte Großartigkeit begeistert. Das reicht von kleinen, schlauen Streberinnen wie der Biene Maja, scharfzüngigen Ikonen der Strebsamkeit wie Paris Geller (Gilmore Girls) oder Jadzia Dax (Deep Space 9) bis hin zu Comic-Heldinnen wie dem Universalgenie Yoko Tsuno (ihr gehört seit 20 Jahren meine gleichbleibende Verehrung). Besonders begeistert mich, dass dabei fiktionalen Charakteren gehuldigt wird, die sowohl unterhaltsam als auch tolle Vorbilder waren und sind. Porträts wie diese werden oft nur realen Personen gewidmet. Angesichts der großen Rolle, die Heldinnen (und Helden) aus Serien, Filmen, Büchern und Comics gerade in Kindheit und Jugend spielen, erscheint es mir aber fast genauso wichtig, jenen zu huldigen. Insbesondere, wenn es sich um komplexe, schlaue, humorvolle Charaktere handelt, die ihrem Publikum aufzeigen, dass Neugier und Wissen nicht unmädchenhaft sind, sondern schlagfertig, abenteuerlustig und cool machen. Und damit auch noch das Label der Streberin positiv umcodiert, mit dem weiblicher Wissensdurst verunglimpft wird. (Dies gilt für den Streber natürlich genauso. Allerdings wird der, v.a. als Nerd oder Geek, schon länger in popkulturellen Zusammenhängen thematisiert und auch aufgewertet als der weibliche).

Blossom Amy Farrah Fowler Mayim Bialik
Quelle: sablog.de, philly.com, bigbangtheory.wikia.com

Vor kurzem ist mir nun eine Streberin untergekommen, auf die dieses Label gleich in mehrerer Hinsicht zutrifft. Der Name Mayim Bialik dürfte erstmal den Wenigsten etwas sagen. Dabei ist sie als Schauspielerin schon lange im Geschäft: als Teeniestar verkörperte sie in der 90er Jahre-Serie „Blossom“ fünf Staffeln lang den titelgebenden Teenager. Blossom ist sehr intelligent und fantasievoll, was ihr hilft, den etwas schwierigen Familienalltag mit alleinerziehendem Vater (!) und zwei Brüdern zu meistern. (Die Serie lief auch in Deutschland, aber nicht so präsent (und oft wiederholt) wie andere – leider kenne ich sie daher nicht so gut). Aktuell ist Bialik wieder als Streberin im TV zu sehen: als hochintelligente Neurobiologin Dr. Amy Farrah Fowler in „The Big Bang Theory“ zeigt sie, dass auch Frauen furchtbar verkopfte, liebenswerte Nerds sein können. Als Kind-of-Love-Interest von Sheldon Cooper eingeführt, hat sie sich mit ihrem mal nüchternen, mal unbeholfenen und manchmal herrlich zynischen Blick auf das Zwischenmenschliche schnell als eigenständige Figur etabliert und ein gutes Gegengewicht zu den männlichen Science-Nerds geschaffen.

Neben diesen zwei TV-Heldinnen ist Bialik aber auch eine „echte“ Lieblingsstreberin: denn die Zeit zwischen Blossom und Amy verbrachte sie nicht eben hollywoodtypisch. Neben Rollen hier und da ging sie zur Uni und machte (noch vor „Amy“) einen Doktor in Neurowissenschaften. Andere hätten sich vielleicht die wenig Starlet-taugliche Nase operieren lassen, Diät gemacht und Rollen gejagt. Sie ging lernen, wurde umweltbewegte Mama und Wissenschaftlerin und spielt jetzt trotzdem wieder in einer international erfolgreichen Serie mit. Für mich ist sie damit eine Lieblingsstreberin im besten Sinne – und auch erwähnenswert, weil am 07.10. „Ada Lovelace Day“ ist, den Frauen in der Wissenschaft gewidmet. Mehr dazu erfahrt ihr z.B. bei hanhaiwen auf „Drop the thought“ – und hoffentlich noch mehr dazu lesen wir dann am 07.10.!