Monatsarchiv: November 2011

Die Frage, ob in deutschen Marketingabteilungen Goethe gelesen wird

Im Kino gewesen. Dabei über eine Art Filmplakat-Tryptichon für den demnächst anlaufenden Science-Fiction-Thriller „In Time“ gestolpert. Dem Trailer nach zu urteilen erstmal ganz attraktiv (zumindest für mich mit Sci-Fi-Faible): eine Art technisch-medizinische Dystopie, in der Lebenszeit zur Ware und Währung geworden ist. Das Motiv erinnert an „Logan’s Run“, wird bei „In Time“ aber auf die Jetztzeit und soziale Konflikte übertragen. Alle bleiben jung, doch die Armen können sich lediglich die Grundversorgung an Zeit leisten (ein Kaffee kostet 5 Minuten!) und werden kaum älter als 25, während die Reichen ewig zu leben scheinen. Auf Modulen gespeicherte Lebenszeit wird zum begehrten und gejagten Objekt, denn natürlich basiert die Macht der Oberklasse auf der ungleichen Verteilung. Und so jagen also attraktive junge weiße Menschen in attraktiven Szenarien einander die Zeit ab. Soweit der Eindruck nach dem Trailer. Der dystopie-erprobte Regisseur (Andrew Niccol, u.a. „Gattaca“, „Truman Show“) und die Cast machen mich durchaus neugierig, denn neben Justin Timberlake (mit dem ich als Schauspieler noch meine Probleme habe) gibt es zwei „von der Erfolgsserie auf die Leinwand“-Darsteller (Vincent Kartheiser aus „Mad Men“, Johnny Galecki aus „The Big Bang Theory“) und meinen Lieblings-Hermaphrodit Cillian Murphy (siehe „Breakfast on Pluto“) zu sehen.

Nach diesem etwas zu ausführlichen Nerdetten-Intro zurück zum eigentlichen Thema: das Filmplakat, bzw. die Plakate.

   
Quelle: critic.de, filmstarts.de

Dies ist die englische/internationale Version. Recht typische Sci-Fi-Farben und auch die Slogan-übers-Gesicht-Gestaltung ist gerade sehr en vogue. In der deutschen Kino-Version, wie ich sie gestern hängen sah (und die ich online nicht finden konnte), gibt es allerdings einen kleinen Unterschied. Die Plakate sind zwar identisch und über Justin Timberlakes Gesicht steht, entsprechend übersetzt, „Zeit ist Macht“. Bei der Hauptdarstellerin Amanda Seyfried allerdings steht, deutlich umgedeutet: „Zeit ist Liebe“. Na sowas.

Das deutsche Marketing entschied sich also von der Fleißbildchenweisheit „Zeit ist Geld“ – und damit ja auch ein stückweit von der Thematik des Films – abzurücken und statt dessen auf eine „klassische“ Zuschreibung zurückzugreifen: Sie die Liebe, er die Macht. Kennen wir ja: Das Ewig-Weibliche zieht uns hinan! Ob bei der Umsetzung Goehte konsultiert wurde, ich weiß es nicht. Zwar werden auch im mittleren, offiziellen Filmposter die romantische Storyline und das stereotype Kräfteverhältnis (sie blickt zu ihm auf, er hält ihren Nacken) vermittelt, doch immerhin dadurch aufgelockert, dass sie eine Waffe und damit auch ein Machtsymbol in der Hand hält. Dies entspricht den „power/money“-Slogans: Beide Hauptfiguren sind dadurch potentielle Handlungsträger der zu erzählenden Geschichte und also nicht nur romantisch miteinander, sondern auch ins restliche Geschehen involviert. Mit der Umänderung in „Macht/Liebe“ geht für die weibliche Figur diese Anbindung an die eigentliche Zeit-Jagd-Story verloren. Für sie bleibt nur die Liebe – die wir so schon als ihre wichtigeste Antriebsfeder identifizieren, bevor wir den Film überhaupt gesehen haben. Das macht es nicht nur ärgerlich stereotyp, es macht auch als Werbung weniger Sinn: es werden Erwartungen erfüllt statt Neugier zu wecken – was ein Filmplakat ja eigentlich sollte. Inwieweit es dem Film unrecht tut, will ich mir noch kein Urteil erlauben – dank Story und Regisseur könnte er doch etwas mehr hergeben als das, trotz Männerlastigkeit und Amanda Seyfrieds mangaeskem Petticoat-Lolita-Look (sieht zwar gut aus, aber das tun Klischees eben oft).

Eine möglicher Gedanke hinter der in dieser Weise veränderten Übersetzung lässt sich leicht ausmachen: durch Betonung der Love-Story soll ein vermeintlich nur an diesen Dingen (nicht aber an Sci-Fi?) interessiertes weibliches Publikum ins Kino gelockt werden. Nicht nur wird also der weiblichen Figur, wieder einmal, allein die Gefühlsseite der Story zugeschrieben, sondern auch potentiellen Plakatbetrachter_innen suggiert: ‚Hier ist für jede_n was dabei, Gefühl für die Frauen, Action für die Männer, denn so sind eben Frauen und Männer (und das seht ihr als Zielgruppe ja wohl genauso?)‘. Es ließe sich einwenden: schlechtes Marketing, flaches Hollywood, und überhaupt. Das ist nicht falsch. Aber trotz allem: aus diesen „Oberflächenerscheinungen“, diesem Mainstrean ist ein Großteil unseres medialen Alltag zusammengesetzt, und der Einfluss gerade der simplen, vermeintlich leicht zu durchschauenden Zuschreibungen auf unsere Vorstellung von Geschlechtern, deren Vorlieben, Stärken und Schwächen ist dabei nicht zu unterschätzen. Oft genug, wie im obigen Beispiel, bedeutet dies: Eindimensionalität und Einschränkung, für alle. Also, Johann Wolfgang: darüber sprechen wir noch.

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Mädchen, sei nicht neidisch! Ein paar lose Neid-Gedanken.

„Sei nicht neidisch!“ war ein Satz, den meine Mutter in ihrer Kindheit oft von ihrer Mutter zu hören bekam. Das war einer der Grundsätze, die ein protestantisches Mädchen in den 50er Jahren zu verinnerlichen hatten. „Nicht neidisch“ hieß gleichzeitig auch „bescheiden“. Nicht fordernd. Nicht drängelnd. Nicht stolz. Sich bescheiden mit dem, was Mädchen hat. Fleißig, genügsam und bloß den Mund haltend.

Ob bei der Erziehung von Mädchen oder generell in christlichem Kontext: der Neid-Begriff wurde oft benutzt, um Menschen klein zu halten – bescheide dich mit dem was du hast, blick nicht zu denen, die mehr haben – Gott weiß schon, warum er das so verteilt hat, und wenn du immer hübsch bescheiden bist und auf keinen Fall neidisch, dann winkt die Seligkeit am Ende.

Neid hat einen außerordentlich schlechten Ruf. Sicher nicht unbegründet: Als Missgunst macht er Menschen zornig, selbstzerstörerisch, unglücklich und vielleicht sogar gewaltbereit. Ich will das, was du hast – und zur Not hole ich es mir mit allen Mitteln. Oder: ich kann niemals haben, was du hast, und das macht mich völlig kaputt und unfähig, das Leben zu genießen. Aber er kann Menschen auch dazu bringen, darüber nachzudenken, warum Andere etwas haben und sie nicht – und wie diese Anderen es bekommen haben, ob vielleicht durch Unrecht oder Ausbeutung. Weil die einen reich geboren sind und die anderen arm. Neid ist zwar nicht per se ein „produktives“ Gefühl. Immerhin heißt es „vom Neid zerfressen“: als Minderwertigkeitsgefühl richtet er sich gegen die eigene Person und Stärke, kann Misstrauen und Gewalt hervorbringen. Aber er ist zugleich wie die dunkle Seite einer Medaille – auf deren anderer Dinge wie sozialer Antrieb und Ungerechtigkeitsempfinden stehen. Gefühle, die dazu führen können, die Ursachen für den Neid zu suchen und beseitigen zu wollen.

Religiöse Gebote (etwa die populären „10“) mit der Aufforderung, nicht des nächsten Weib, Haus oder Gut zu begehren (und der Aufforderung, ihm deswegen nicht den Schädel einzuschlagen), hatten einen Sinn zur Aufrechterhaltung der Gesellschaft – ähnlich Gesetzen. Aber oft genug ging es  „oben Stehenden“ (ob nun materiell, spirituell oder hierarchisch – oft auch alles drei) darum, mit der Verdammung des Neidgefühls eine bestimmte, sie begünstigende Ordnung aufrechtzuerhalten. – Überraschenderweise bin ich nicht die erste, die sich diese Gedanken macht, wie der Wikipedia leicht zu entnehmen ist: „Bereits Aristoteles postulierte einen gerechten Neid bei ungleicher Verteilung der Güter. Der Psychoanalytiker Rolf Haubl unterscheidet zwischen dem negativen feindselig-schädigenden und depressiv-lähmenden und dem positiven ehrgeizig-stimulierenden und empört-rechtenden Neid, der das Gerechtigkeitsgefühl anrege und auf Veränderung dränge.“ Ebenfalls in die gleiche Richtung geht ein Absatz zum Thema Neid in Religionen: „Im Hinduismus wird gesellschaftliche Ungleichheit als Folge des individuellen spirituellen Karmas dargestellt und Neid lediglich als das nicht akzeptierte Karma bzw. Schicksal, das der Welt der Kasten entgegensteht.“ Arm und ausgebeutet dank niedriger Kaste? Tja: schlechtes Karma gehabt. Aber besser nicht neidisch sein, sonst wird das auch im nächsten Leben nichts.

In der kleinbürgerlichen, christlichen Mädchenerziehung (und vermutlich nicht nur dort) hat sich diese Geißelung von (gerechtem?) Neid bei gleichzeitiger Preisung der Bescheidenheit jedenfalls bis weit ins 20. Jhd. gehalten, und ich behaupte, die Folgen sind heute noch spür- und sichtbar. Auch hier galt (gilt?) es eine Ordnung einzuhalten, in der einige mehr haben (z.B. Bewegungsfreiheit, Entscheidungs- und Entwicklungsmöglichkeiten, Erfolgs- und Gewinnstreben, Aufsichtsratsposten) und andere eben weniger.

EDIT: Zusatzinfo für alle Leser_innen, die nicht wie ich den liebenlangen Tag auf Twitter & Co. rumhängen: Angeregt wurde ich zu meinen Gedanken durch diesen Blogpost von Michael Seemann/@mspro, der darin die Reaktionen auf seine Spenden-Aktion kommentiert hat. Mein Text hat damit aber nicht direkt zu tun, es brachte mich nur dazu, über Neid nachzudenken.