Mädchen, sei nicht neidisch! Ein paar lose Neid-Gedanken.

„Sei nicht neidisch!“ war ein Satz, den meine Mutter in ihrer Kindheit oft von ihrer Mutter zu hören bekam. Das war einer der Grundsätze, die ein protestantisches Mädchen in den 50er Jahren zu verinnerlichen hatten. „Nicht neidisch“ hieß gleichzeitig auch „bescheiden“. Nicht fordernd. Nicht drängelnd. Nicht stolz. Sich bescheiden mit dem, was Mädchen hat. Fleißig, genügsam und bloß den Mund haltend.

Ob bei der Erziehung von Mädchen oder generell in christlichem Kontext: der Neid-Begriff wurde oft benutzt, um Menschen klein zu halten – bescheide dich mit dem was du hast, blick nicht zu denen, die mehr haben – Gott weiß schon, warum er das so verteilt hat, und wenn du immer hübsch bescheiden bist und auf keinen Fall neidisch, dann winkt die Seligkeit am Ende.

Neid hat einen außerordentlich schlechten Ruf. Sicher nicht unbegründet: Als Missgunst macht er Menschen zornig, selbstzerstörerisch, unglücklich und vielleicht sogar gewaltbereit. Ich will das, was du hast – und zur Not hole ich es mir mit allen Mitteln. Oder: ich kann niemals haben, was du hast, und das macht mich völlig kaputt und unfähig, das Leben zu genießen. Aber er kann Menschen auch dazu bringen, darüber nachzudenken, warum Andere etwas haben und sie nicht – und wie diese Anderen es bekommen haben, ob vielleicht durch Unrecht oder Ausbeutung. Weil die einen reich geboren sind und die anderen arm. Neid ist zwar nicht per se ein „produktives“ Gefühl. Immerhin heißt es „vom Neid zerfressen“: als Minderwertigkeitsgefühl richtet er sich gegen die eigene Person und Stärke, kann Misstrauen und Gewalt hervorbringen. Aber er ist zugleich wie die dunkle Seite einer Medaille – auf deren anderer Dinge wie sozialer Antrieb und Ungerechtigkeitsempfinden stehen. Gefühle, die dazu führen können, die Ursachen für den Neid zu suchen und beseitigen zu wollen.

Religiöse Gebote (etwa die populären „10“) mit der Aufforderung, nicht des nächsten Weib, Haus oder Gut zu begehren (und der Aufforderung, ihm deswegen nicht den Schädel einzuschlagen), hatten einen Sinn zur Aufrechterhaltung der Gesellschaft – ähnlich Gesetzen. Aber oft genug ging es  „oben Stehenden“ (ob nun materiell, spirituell oder hierarchisch – oft auch alles drei) darum, mit der Verdammung des Neidgefühls eine bestimmte, sie begünstigende Ordnung aufrechtzuerhalten. – Überraschenderweise bin ich nicht die erste, die sich diese Gedanken macht, wie der Wikipedia leicht zu entnehmen ist: „Bereits Aristoteles postulierte einen gerechten Neid bei ungleicher Verteilung der Güter. Der Psychoanalytiker Rolf Haubl unterscheidet zwischen dem negativen feindselig-schädigenden und depressiv-lähmenden und dem positiven ehrgeizig-stimulierenden und empört-rechtenden Neid, der das Gerechtigkeitsgefühl anrege und auf Veränderung dränge.“ Ebenfalls in die gleiche Richtung geht ein Absatz zum Thema Neid in Religionen: „Im Hinduismus wird gesellschaftliche Ungleichheit als Folge des individuellen spirituellen Karmas dargestellt und Neid lediglich als das nicht akzeptierte Karma bzw. Schicksal, das der Welt der Kasten entgegensteht.“ Arm und ausgebeutet dank niedriger Kaste? Tja: schlechtes Karma gehabt. Aber besser nicht neidisch sein, sonst wird das auch im nächsten Leben nichts.

In der kleinbürgerlichen, christlichen Mädchenerziehung (und vermutlich nicht nur dort) hat sich diese Geißelung von (gerechtem?) Neid bei gleichzeitiger Preisung der Bescheidenheit jedenfalls bis weit ins 20. Jhd. gehalten, und ich behaupte, die Folgen sind heute noch spür- und sichtbar. Auch hier galt (gilt?) es eine Ordnung einzuhalten, in der einige mehr haben (z.B. Bewegungsfreiheit, Entscheidungs- und Entwicklungsmöglichkeiten, Erfolgs- und Gewinnstreben, Aufsichtsratsposten) und andere eben weniger.

EDIT: Zusatzinfo für alle Leser_innen, die nicht wie ich den liebenlangen Tag auf Twitter & Co. rumhängen: Angeregt wurde ich zu meinen Gedanken durch diesen Blogpost von Michael Seemann/@mspro, der darin die Reaktionen auf seine Spenden-Aktion kommentiert hat. Mein Text hat damit aber nicht direkt zu tun, es brachte mich nur dazu, über Neid nachzudenken.

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2 Antworten zu “Mädchen, sei nicht neidisch! Ein paar lose Neid-Gedanken.

  1. Liebe Klirrr, zum Thema Neid bzw. Bescheidenheit fällt mir dieser alte Poesiealbumsspruch ein: „Sei wie das Veilchen im Moose, sittsam, bescheiden und rein. Nicht wie die stolze Rose, die immer bewundert will sein.“ Das ist zwar ganz putzig, aber wer „bewundert will sein“ müsste zunächst irgendetwas getan haben, das bewunderungswürdig ist. Und wenn einem etwas Gutes gelungen ist, darf man ruhig stolz darauf sein. Das finde ich schöner als „falsche Bescheidenheit“. Neid kann ebenfalls, wie du sehr schön beschreibst, zu einem Motor werden, um etwas zu erreichen. Dass manche mehr und andere weniger haben, werden wir wohl leider nicht ausgleichen können, aber wir könnnen zumindest im Rahmen unserer Möglichkeiten versuchen, etwas anzustreben, was uns glücklich macht oder in einen angenehmeren Zustand versetzt. Passiver Neid ist dabei natürlich keine Hilfe. Liebe Grüße, Petra

  2. Sehr nett. Danke.
    Ja, wenn alle „Mädchen“ mal nen bisschen neidischer wären (und es unsanktioniert LAUT artikulierten könnten/wollten/dürften), dann wär die Welt eher besser als schlechter… Stichwort Quote, Stichwort gleiches Geld für gleiche Arbeit.

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