„Natürliches Make-up“ als Gesichter-Default. Oder: So wie ich, nur in hübsch.

Die letzten Tage kursierte das Video „Fotoshop by Adobé“ des Filmemachers Jesse Rosten durchs Netz, in dem er die durch digitale Bildbearbeitung verzerrten Schönheitsstandards in Werbung, Magazinen etc. aufs Korn nimmt: „There’s only one way to look like a real covergirl: it’s (Ph)Fotoshop“. Photoshop ist zum Symbol für diese problematische Entwicklung geworden – was etwas in die Irre führt, schließlich trifft ja nicht das Programm die Schuld, sondern die Entscheider_innen, die damit diesen Look kreieren. Well, so ist es eben griffiger. Es geht darum, den eigenen Körper nicht als mangelhaft zu empfinden im Vergleich zu einer Perfektion, die am Computer entstanden ist. Nicht Zeit, Geld, Emotionen und Gesundheit darauf zu verschwenden. Statt dessen eine Vorstellung von Schönheit in Frage zu stellen, die furchtbar eindimensional und einschränkend ist und die ohnehin nur digital wirklich erreicht werden kann. Trotz der offenkundigen Künstlichkeit versuchen uns die Hochglanzbilder der Magazine, der Werbung oder Modewelt aber doch weiszumachen, sie seien irgendwie natürlich, und die abgebildeten Models und Celebrities derartig makellos. Auf das wir Produkte erwerben, um uns der Makellosigkeit anzunähern – oder unser Defizit zumindest zu kompensieren.

Diese Opposition von künstlich und (vermeintlich) „natürlich“ stößt mir auch an anderer Stelle sauer auf. Und zwar bei einer der perfidesten Erfindungen der modernen Kosmetikindustrie: dem so genannten „natürlichen Make-up“. Regelmäßig taucht es in den Schminktipps der Frauenzeitschriften auf oder direkt in den Bezeichnungen diverser „Natural Look“-Produkte. Dabei ist es ein Widerspruch in sich: Make-up ist nicht „natürlich“ – zumindest, wenn wir mit „natürlich“ unsere ungeschminkte Haut assoziieren (und das sollen wir). Folglich wird uns suggeriert: mit diesem Produkten können wir geschminkt sein, aber ungeschminkt aussehen. So aussehen wie wir selbst, aber: besser. So wie ich, nur in hübsch. Was im Umkehrschluss bedeutet: ohne Make-up bin ich immer nur so lala. Eine defizitäre Version meiner selbst. Und so sind denn auch viele Frauen und Mädchen, die ich kenne, stets zumindest ein bißchen geschminkt – mich eingeschlossen. Gerade so, dass Mensch frisch und glatt aussieht, keine Pickel und Rötungen hat, die Lippen rosig und die Augen dank Wimperntusche hervorgehoben. So wird ein Basislook definiert: Frau kann sich zwar entscheiden, diesen nicht zu erfüllen, aber sie muss damit rechnen, an ihm gemessen und eingeschätzt zu werden. Oft genug fragten mich (durchaus) Wohlmeinende, ob ich krank, müde oder schlecht drauf sei; dabei war ich doch einfach nur: ungeschminkt. Die Verheißung von maximaler „Natürlichkeit“ impliziert auch, dass wir nicht dauernd wie aufgetakelte Tussis (= künstlich) rumlaufen wollen. Oder sollen. Ich frage mich: warum eigentlich? Was ist an Künstlichkeit so schlimm? Denn dadurch, dass wir die Künstlichkeit solcher Verschönerungen verstecken und negieren, steigert sich der Zwang dazu: wenn wir es als natürlich und normal, als „Basis“ wahrnehmen, geschminkt zu sein, erhöht sich auch die Wahrscheinlichkeit, das wir ein ungeschminktes Gesicht als unattraktiv empfinden – als nicht so gut, wie es sein könnte. Gleichzeitig können wir „natürlich geschminkt“ ganz nah dran bleiben am „Original“, das ja, so werden wir umschmeichelt, kaum eine Verbesserung nötig hat – bzw. nur eine, die nicht auffällt. Die Kosmetikindustrie freut sich.

All die Gedanken müsste ich mir vielleicht nicht machen – „lass es halt einfach bleiben“, werden manche einwenden. Mir fallen nun auch gleich eine ganze Reihe Frauen ein, die sich wenig bis gar nicht schminken, und damit gar kein Problem haben. Nur: ich mag es ja eigentlich. Als Kind spielte ich dauernd mit Kostümen und Schminke, später ergaben sich andere Kontexte der Verwandlung, von Showtanz bis Gothic-Party. Mit Make-Up können wir uns verwandeln und ausdrücken, spielen und experimentieren, es ist ein Körperschmuck, der als Symbol von Zugehörigkeit und Abgrenzung genauso wie von Status und Macht und als Kunstform eine lange Tradition hat. Die Künstlichkeit des Schminkens mit dem Begriff der „Natürlichkeit“ zu konterkarieren und zu kaschieren scheint mir hingegen eher eine neue Entwicklung zu sein – und ihre Auswirkungen wahrnehmbar. Ironisch thematisiert wird dies z.B. in der Komödie „Bridesmaids“ (2011), in der die Protagonistin sich morgens zum Nachschminken aus dem Bett schleicht und dann unauffällig wieder hinlegt, auf dass der Angebetete glaubt, sie sähe nach dem Aufwachen eben „ganz natürlich“ so aus. Dabei geht es nicht nur um die Befürchtung, ohne das Basis-Make-up graumausig zu wirken, sondern angeblich auch weniger „feminin“. Eine Frau kann Kanzlerin werden, aber kann sie dies auch ohne Wimperntusche tun? (Ja. Klar. Aber.)

Ich werde wohl auch weiterhin meistens geschminkt rumlaufen, da muss ich mir nichts vormachen. Aber mir missfällt, dass es oft genug leichter erscheint, Make-up zu tragen als es wegzulassen. Ja, mir würde es in vielen Situationen schwerfallen, ungeschminkt unter Leute zu gehen, weil ich mich dann unsicher und weniger attraktiv fühle. Es ist auch ein Schutz, eine Maske. Es kann auch viel Spaß machen, viele Möglichkeiten bieten. Aber gleichzeitig steckt darin eine Art von „Arbeit“ – eine Erwartung, die an Frauen herangetragen wird, die Einfluss nehmen kann auf das Verhältnis zum eigenen Körper, und über die mitdefiniert wird, was als feminin und attraktiv gelten soll. Daher gehört zumindest die Mär vom „natürlichen Make-up“ ausgetrieben. Die analoge Nachbearbeitung unserer Gesichter sollte nicht Default sein. Dann lieber den Lidstrich extra dick nachziehen, und eine Portion Glitzer dazu. Oder doch mal oben ohne gehen.

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7 Antworten zu “„Natürliches Make-up“ als Gesichter-Default. Oder: So wie ich, nur in hübsch.

  1. Danke, dass du dieses Thema mal ansprichst. Als junger Teenager dachte ich erst, als ich den Begriff „natürliches Make-up“ hörte, dass es sich um die Art der Kosmetik handelt (bio, vegan oder so), bis ich nachfragte und dachte, ich hör nicht richtig.

    Aber tatsächlich ist das genau die Art von Make-up, die ich auch auflege, damit ich nicht ständig gefragt werde, ob ich krank bin, weil ich ziemlich blass bin und eigentlich immer Augenringe habe (auch, wenn ich hellwach bin). Und solche Fragen sind mir wirklich unangenehm, sodass ich immer zumindest eine leichte Grundierung auflege und mich auf Tage freue, wo ich nicht auf Arbeit muss und mir das klemmen kann. Anderes Make-Up benutze ich nur, wenn ich ausgehe oder so.

    In der Schule habe ich das allerdings ausgenutzt und auf diese Grundierung, wenn ich nach Hause geschickt werden wollte. 😀

  2. Pingback: Mädchenmannschaft » Blog Archive » Schminke, Kekse, Schmierereien – die Blogschau

  3. Comic dazu: http://alexandradal.deviantart.com/#/d4cn2ro

    Erst mal: Zustimmung zu dem was du sagtest über offensichtliches/überzeichnetes Makeup als Ausdrucksform und Experiment und Spiel, am Ende also Makeup als eine Art Kunstform (zB futuristisch, Geschichtsepochen evozierend, provokant, wasweissich).

    Ansonsten gehöre ich zu den erwähnten Frauen, die mit der oben genannten Ausnahme von Makeup als Kunstform ohne jegliches Makeup unterwegs sind, aus drei Gründen: 1) weil ich mich weigere, täglich und immer Zeit und Geld dafür zu investieren – ich würde schätzen, dass mich das durchschnittlich 15 Minuten jeden Tag kosten würde, und das sind 15 Minuten, die ich mit Lesen, Wolken angucken oder anderen schönen Dingen verbringen kann, 2) aus einem Rest jugendlicher Rebellion („Du könntest so ein hübsches Mädchen sein, wenn du mal was aus dir machen würdest, vielleicht so ein bisschen Wimperntusche und ein ganz dezenter Lippenstift.“ – „Ach ja? Du kannst mich mal, ich bin nicht auf diesem Planeten, um dir zu gefallen. Ich bin schliesslich kein Kunstdruck.“) und 3) weil ich alltägliches oder „natürliches“ Makeup für mich selber schon seit meiner Teenager-Zeit als Täuschung und Betrug und Manipulation und Unterwerfung unter ein völlig kaputtes System von Schönheitsidealen empfinde.

    Das hat ein paar interessante Effekte: Zum Einen fragt mich nie irgendjemand, ob ich krank oder schlecht drauf bin, es sei denn ich bin krank oder schlecht drauf, und zum Anderen fühlte ich mich bei den paar Gelegenheiten, bei denen ich mit „dezentem“ Makeup experimentiert habe, extrem unwohl.
    Ein weiterer seltsamer Effekt, der ein bisschen schwer zu beschreiben ist: ich bemerke deutliche Unterschiede hinsichtlich Aufmerksamkeit von Fremden auf der Strasse in Abhängigkeit davon, ob ich gerade glücklich bin oder zB Musik höre, die mich an schöne Dinge erinnert. Und ich hab dann immer das Gefühl, dass ich mich der Freude an solcher Aufmerksamkeit berauben würde, wenn ich Makeup trüge, weil die Leute dann im Zweifelsfall auf eine technisch gut ausgeführte Maske reagieren, und nicht auf, naja, Dinge die zu mir gehören, wie glücklich sein, schöne Erinnerungen und Freude an guter Musik oder einem sonnigen Wintertag.

  4. Interessante Gedanken. Das hängt aber auch davon ab, in welchen Kreisen man sich bewegt. Ich weiß noch, dass mir an meinen Kolleginnen (Bayern, öffentlicher Dienst) als erstes aufgefallen ist, dass mehrere überhaupt nicht geschminkt sind. Darüber war ich ziemlich froh, ich schminke mich auch nur zum weggehen.

  5. Ich stimme voll und ganz zu. Möchte noch hinzufügen, dass viele Männer, die meistens in der Materie des Schminkens nicht so sehr drinstecken, behaupten, eher auf umgeschminkte Frauen zu stehen. Da jedoch der Make-Up Trend Richtung natürlich und nude geht, kann es sein, dass eine „ungeschminkte“ Frau nur ein sehr dezentes Make-Up trägt und somit der Aufwand dahinter verkannt wird. Und diese Männer bekommen unbewusst eine veränderte Erwartungshaltung gegenüber dem Aussehen von Frauen.

    Außerdem missfällt mir die Bedeutung hinter dem Make-Up. Wie schon im Beitrag angedeutet, dient auffälliges Make-Up öfter auch der Selbstinszenierung während natürliches Make-Up rein dem Kaschieren dient, also eher nur für andere als für einen selbst ist. Es wird auch eher nur über auffälliges Make-Up abfällig geredet („aufgetakelte Tussi“), der Trend geht also auch von der Selbstbestimmung zur Fremdbestimmung.

  6. Interessante Gedanken. Schade, dass du letztlich auch wieder nur eine Hierarchie aufmachst und flashy makeup über den „nude look“ stellst – Anerkennung von agency geht anders. Schade auch, dass der Artikel nicht ohne die sexistische Beschimpfung der „Tussi“ auskommt.

  7. Pingback: Ungeschminkt und gut « Mädchenmusik

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