Archiv der Kategorie: Bild der Frau

Ein Wieder-Da-Post: Filmfestivals, LEGO, Internet und so.

So: wieder da. Viel zu viele Wochen mehr oder weniger unfreiwilliges Blogbrachland liegen hinter mir, was mir besonders leid tut, nachdem es bei meinen letzten Blogpost im Januar (gottohgott) so viel Resonanz gab, auf die einzugehen ich schon da nicht mehr richtig Zeit hatte. Dafür noch mal: sorry! Abgelenkt war ich durch so Lebensdinge wie eine Wohnung suchen und finden, einen neuen Job in einer neuen Stadt anfangen, umfangreich und in mehreren Portionen umziehen und irgendwie ein, so heißt es wohl, neues Leben anfangen, nicht radikal neu-neu, aber so ein bißchen.

Zeitgleich ging meine komplette Online-Frei-Zeit für ein anderes Herzensprojekt von mir drauf, nämlich die Online-Redaktion (plus Social-Media-Parade) für das Frankfurter Filmfestival LICHTER, das in diesem Jahr nicht nur mehr Programm hatte, sondern auch noch einen kompletten Website-Relaunch wenige Wochen vor dem Festival. Das macht viel Spaß, wäre aber im Prinzip mindestens eine Halbtagsstelle, die dementsprechend neben einer vollen Lohnarbeit dann doch etwas stressig werden kann. Dazu ließe sich erörtern, wie chronisch unterfinanziert viele ambitionierte Kulturangebote trotz ihrer Bedeutung fürs Stadtleben sind und wie sie ohnehin nur durch leidenschaftliche Selbstausbeutung und Ehrenamt zustande kommen können – mach ich vielleicht mal demnächst, aber das Problem ist vermutlich hinlänglich bekannt. Ich war jedenfalls schwer damit beschäftigt, viele Dinge ins Netz zu tun (nur nicht hier) und habe am Festival selbst noch ein bißchen offline agiert und in Mikrofone gesprochen (und geglitzert).

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Unterdessen sind viele Themen gekommen und gegangen, zu denen unfertige Blogposts in meiner Kopf schwurbelten (und um die es rückblickend betrachtet auch nicht wirklich schade ist. Kann im Internet auch mal von Vorteil sein, der Zeitmangel.) Unter anderem Gedanken gemacht habe ich mir zu LEGO.

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„Natürliches Make-up“ als Gesichter-Default. Oder: So wie ich, nur in hübsch.

Die letzten Tage kursierte das Video „Fotoshop by Adobé“ des Filmemachers Jesse Rosten durchs Netz, in dem er die durch digitale Bildbearbeitung verzerrten Schönheitsstandards in Werbung, Magazinen etc. aufs Korn nimmt: „There’s only one way to look like a real covergirl: it’s (Ph)Fotoshop“. Photoshop ist zum Symbol für diese problematische Entwicklung geworden – was etwas in die Irre führt, schließlich trifft ja nicht das Programm die Schuld, sondern die Entscheider_innen, die damit diesen Look kreieren. Well, so ist es eben griffiger. Es geht darum, den eigenen Körper nicht als mangelhaft zu empfinden im Vergleich zu einer Perfektion, die am Computer entstanden ist. Nicht Zeit, Geld, Emotionen und Gesundheit darauf zu verschwenden. Statt dessen eine Vorstellung von Schönheit in Frage zu stellen, die furchtbar eindimensional und einschränkend ist und die ohnehin nur digital wirklich erreicht werden kann. Trotz der offenkundigen Künstlichkeit versuchen uns die Hochglanzbilder der Magazine, der Werbung oder Modewelt aber doch weiszumachen, sie seien irgendwie natürlich, und die abgebildeten Models und Celebrities derartig makellos. Auf das wir Produkte erwerben, um uns der Makellosigkeit anzunähern – oder unser Defizit zumindest zu kompensieren.

Diese Opposition von künstlich und (vermeintlich) „natürlich“ stößt mir auch an anderer Stelle sauer auf. Und zwar bei einer der perfidesten Erfindungen der modernen Kosmetikindustrie: dem so genannten „natürlichen Make-up“. Weiterlesen

Dekoration separat erhältlich.

  

Küchen Keie! Dein 20-Jahre-Jubiläumsplakat ziert eine recht junge Dame, die ihrer Kleidung nach zu urteilen gerade auf dem Weg zu ihrem Abschlussball ist. In einer Küche läuft sie also vor allem Gefahr, sich das Kleid zu ruinieren (auch sieht eure Küche nicht so aus, als fände da gerade eine Party statt). Eine Küche hat sie, ihrem Alter nach zu urteilen, vermutlich auch noch nie gekauft. Zu euren Kunden (die, die wissen warum) zählt sie demnach eher nicht. Hätte sie das Geld für eine eurer Küchen – ich wage zu behaupten, dass sie es, je nach Gusto, eher fürs Backpacken durch Südostasien oder eine Prada-Handtasche auf den Kopf hauen würde. Es bleibt also die Frage: was treibt sie da auf eurem Plakat?

Ähnliches muss ich mich beim „Main-Taunus-Zentrum“ fragen, wird doch dessen Neueröffnung von einer ähnlich schick gewandeten Dame flankiert. Sie geht vielleicht zu einer Salsa-Party, aber eher nicht ins Shopping-Center. Dort könnte sie dieses festliche Outfit zwar ohne weiteres erwerben. Ob das als Werbekonzept aber so durchdacht ist? Denn erwerben könnte sie dort (immerhin „Hessens größtes Shopping-Center“) sicher auch Waffeleisen, Squash-Schläger, Hundeleckerlis und externe Festplatten.

Also, ihr Möbel- und Küchenfachgeschäfte, Elekromärkte, Einkaufscenter und lokale Radiosender. Was ist das immer mit den Mädchen in Ballkleidern? Raffinierte, kluge Werbestrategien sind jedenfalls nicht euer Begehr. Ob das nun eine Geldfrage ist, schlechte Beratung oder ob ihr es tatsächlich für eine total schicke Idee haltet – jedenfalls zieren eure Jubiläums-, Sonderangebots-, Neu- oder Wiedereröffnungsplakate nur zu gerne eine junge Dame in festlichem Outfit. Eine inhaltliche Verbindung zu Produkt, Haus oder Marke herzustellen ist dabei eine überflüssige Mühe, was den Models einwandfrei eine reine Dekofunktion zuweist. Hat ja auch Tradition, irgendwie, und wird in manchen Kontexten auch gerne live zelebriert. Als vordergründige Verbindung genügt die Konnotation „festlich“ und „besondere Gelegenheit“ = Mädchen in festlicher Gewandung. Und wir sind ja auch so schön daran gewöhnt.

Einfach schlechte Werbung, nicht der Rede wert? Naja. Mich wundert jedenfalls nicht, dass auf der immerwährenden ToDo-Liste im Unterbewusstsein vieler Mädchen und Frauen der Punkt „eine Zierde sein“ oft ziemlich weit oben steht.

Die Frage, ob in deutschen Marketingabteilungen Goethe gelesen wird

Im Kino gewesen. Dabei über eine Art Filmplakat-Tryptichon für den demnächst anlaufenden Science-Fiction-Thriller „In Time“ gestolpert. Dem Trailer nach zu urteilen erstmal ganz attraktiv (zumindest für mich mit Sci-Fi-Faible): eine Art technisch-medizinische Dystopie, in der Lebenszeit zur Ware und Währung geworden ist. Das Motiv erinnert an „Logan’s Run“, wird bei „In Time“ aber auf die Jetztzeit und soziale Konflikte übertragen. Alle bleiben jung, doch die Armen können sich lediglich die Grundversorgung an Zeit leisten (ein Kaffee kostet 5 Minuten!) und werden kaum älter als 25, während die Reichen ewig zu leben scheinen. Auf Modulen gespeicherte Lebenszeit wird zum begehrten und gejagten Objekt, denn natürlich basiert die Macht der Oberklasse auf der ungleichen Verteilung. Und so jagen also attraktive junge weiße Menschen in attraktiven Szenarien einander die Zeit ab. Soweit der Eindruck nach dem Trailer. Der dystopie-erprobte Regisseur (Andrew Niccol, u.a. „Gattaca“, „Truman Show“) und die Cast machen mich durchaus neugierig, denn neben Justin Timberlake (mit dem ich als Schauspieler noch meine Probleme habe) gibt es zwei „von der Erfolgsserie auf die Leinwand“-Darsteller (Vincent Kartheiser aus „Mad Men“, Johnny Galecki aus „The Big Bang Theory“) und meinen Lieblings-Hermaphrodit Cillian Murphy (siehe „Breakfast on Pluto“) zu sehen.

Nach diesem etwas zu ausführlichen Nerdetten-Intro zurück zum eigentlichen Thema: das Filmplakat, bzw. die Plakate.

   
Quelle: critic.de, filmstarts.de

Dies ist die englische/internationale Version. Recht typische Sci-Fi-Farben und auch die Slogan-übers-Gesicht-Gestaltung ist gerade sehr en vogue. In der deutschen Kino-Version, wie ich sie gestern hängen sah (und die ich online nicht finden konnte), gibt es allerdings einen kleinen Unterschied. Die Plakate sind zwar identisch und über Justin Timberlakes Gesicht steht, entsprechend übersetzt, „Zeit ist Macht“. Bei der Hauptdarstellerin Amanda Seyfried allerdings steht, deutlich umgedeutet: „Zeit ist Liebe“. Na sowas.

Das deutsche Marketing entschied sich also von der Fleißbildchenweisheit „Zeit ist Geld“ – und damit ja auch ein stückweit von der Thematik des Films – abzurücken und statt dessen auf eine „klassische“ Zuschreibung zurückzugreifen: Sie die Liebe, er die Macht. Kennen wir ja: Das Ewig-Weibliche zieht uns hinan! Ob bei der Umsetzung Goehte konsultiert wurde, ich weiß es nicht. Zwar werden auch im mittleren, offiziellen Filmposter die romantische Storyline und das stereotype Kräfteverhältnis (sie blickt zu ihm auf, er hält ihren Nacken) vermittelt, doch immerhin dadurch aufgelockert, dass sie eine Waffe und damit auch ein Machtsymbol in der Hand hält. Dies entspricht den „power/money“-Slogans: Beide Hauptfiguren sind dadurch potentielle Handlungsträger der zu erzählenden Geschichte und also nicht nur romantisch miteinander, sondern auch ins restliche Geschehen involviert. Mit der Umänderung in „Macht/Liebe“ geht für die weibliche Figur diese Anbindung an die eigentliche Zeit-Jagd-Story verloren. Für sie bleibt nur die Liebe – die wir so schon als ihre wichtigeste Antriebsfeder identifizieren, bevor wir den Film überhaupt gesehen haben. Das macht es nicht nur ärgerlich stereotyp, es macht auch als Werbung weniger Sinn: es werden Erwartungen erfüllt statt Neugier zu wecken – was ein Filmplakat ja eigentlich sollte. Inwieweit es dem Film unrecht tut, will ich mir noch kein Urteil erlauben – dank Story und Regisseur könnte er doch etwas mehr hergeben als das, trotz Männerlastigkeit und Amanda Seyfrieds mangaeskem Petticoat-Lolita-Look (sieht zwar gut aus, aber das tun Klischees eben oft).

Eine möglicher Gedanke hinter der in dieser Weise veränderten Übersetzung lässt sich leicht ausmachen: durch Betonung der Love-Story soll ein vermeintlich nur an diesen Dingen (nicht aber an Sci-Fi?) interessiertes weibliches Publikum ins Kino gelockt werden. Nicht nur wird also der weiblichen Figur, wieder einmal, allein die Gefühlsseite der Story zugeschrieben, sondern auch potentiellen Plakatbetrachter_innen suggiert: ‚Hier ist für jede_n was dabei, Gefühl für die Frauen, Action für die Männer, denn so sind eben Frauen und Männer (und das seht ihr als Zielgruppe ja wohl genauso?)‘. Es ließe sich einwenden: schlechtes Marketing, flaches Hollywood, und überhaupt. Das ist nicht falsch. Aber trotz allem: aus diesen „Oberflächenerscheinungen“, diesem Mainstrean ist ein Großteil unseres medialen Alltag zusammengesetzt, und der Einfluss gerade der simplen, vermeintlich leicht zu durchschauenden Zuschreibungen auf unsere Vorstellung von Geschlechtern, deren Vorlieben, Stärken und Schwächen ist dabei nicht zu unterschätzen. Oft genug, wie im obigen Beispiel, bedeutet dies: Eindimensionalität und Einschränkung, für alle. Also, Johann Wolfgang: darüber sprechen wir noch.

Mädchen, sei nicht neidisch! Ein paar lose Neid-Gedanken.

„Sei nicht neidisch!“ war ein Satz, den meine Mutter in ihrer Kindheit oft von ihrer Mutter zu hören bekam. Das war einer der Grundsätze, die ein protestantisches Mädchen in den 50er Jahren zu verinnerlichen hatten. „Nicht neidisch“ hieß gleichzeitig auch „bescheiden“. Nicht fordernd. Nicht drängelnd. Nicht stolz. Sich bescheiden mit dem, was Mädchen hat. Fleißig, genügsam und bloß den Mund haltend.

Ob bei der Erziehung von Mädchen oder generell in christlichem Kontext: der Neid-Begriff wurde oft benutzt, um Menschen klein zu halten – bescheide dich mit dem was du hast, blick nicht zu denen, die mehr haben – Gott weiß schon, warum er das so verteilt hat, und wenn du immer hübsch bescheiden bist und auf keinen Fall neidisch, dann winkt die Seligkeit am Ende.

Neid hat einen außerordentlich schlechten Ruf. Sicher nicht unbegründet: Als Missgunst macht er Menschen zornig, selbstzerstörerisch, unglücklich und vielleicht sogar gewaltbereit. Ich will das, was du hast – und zur Not hole ich es mir mit allen Mitteln. Oder: ich kann niemals haben, was du hast, und das macht mich völlig kaputt und unfähig, das Leben zu genießen. Aber er kann Menschen auch dazu bringen, darüber nachzudenken, warum Andere etwas haben und sie nicht – und wie diese Anderen es bekommen haben, ob vielleicht durch Unrecht oder Ausbeutung. Weil die einen reich geboren sind und die anderen arm. Neid ist zwar nicht per se ein „produktives“ Gefühl. Immerhin heißt es „vom Neid zerfressen“: als Minderwertigkeitsgefühl richtet er sich gegen die eigene Person und Stärke, kann Misstrauen und Gewalt hervorbringen. Aber er ist zugleich wie die dunkle Seite einer Medaille – auf deren anderer Dinge wie sozialer Antrieb und Ungerechtigkeitsempfinden stehen. Gefühle, die dazu führen können, die Ursachen für den Neid zu suchen und beseitigen zu wollen.

Religiöse Gebote (etwa die populären „10“) mit der Aufforderung, nicht des nächsten Weib, Haus oder Gut zu begehren (und der Aufforderung, ihm deswegen nicht den Schädel einzuschlagen), hatten einen Sinn zur Aufrechterhaltung der Gesellschaft – ähnlich Gesetzen. Aber oft genug ging es  „oben Stehenden“ (ob nun materiell, spirituell oder hierarchisch – oft auch alles drei) darum, mit der Verdammung des Neidgefühls eine bestimmte, sie begünstigende Ordnung aufrechtzuerhalten. – Überraschenderweise bin ich nicht die erste, die sich diese Gedanken macht, wie der Wikipedia leicht zu entnehmen ist: „Bereits Aristoteles postulierte einen gerechten Neid bei ungleicher Verteilung der Güter. Der Psychoanalytiker Rolf Haubl unterscheidet zwischen dem negativen feindselig-schädigenden und depressiv-lähmenden und dem positiven ehrgeizig-stimulierenden und empört-rechtenden Neid, der das Gerechtigkeitsgefühl anrege und auf Veränderung dränge.“ Ebenfalls in die gleiche Richtung geht ein Absatz zum Thema Neid in Religionen: „Im Hinduismus wird gesellschaftliche Ungleichheit als Folge des individuellen spirituellen Karmas dargestellt und Neid lediglich als das nicht akzeptierte Karma bzw. Schicksal, das der Welt der Kasten entgegensteht.“ Arm und ausgebeutet dank niedriger Kaste? Tja: schlechtes Karma gehabt. Aber besser nicht neidisch sein, sonst wird das auch im nächsten Leben nichts.

In der kleinbürgerlichen, christlichen Mädchenerziehung (und vermutlich nicht nur dort) hat sich diese Geißelung von (gerechtem?) Neid bei gleichzeitiger Preisung der Bescheidenheit jedenfalls bis weit ins 20. Jhd. gehalten, und ich behaupte, die Folgen sind heute noch spür- und sichtbar. Auch hier galt (gilt?) es eine Ordnung einzuhalten, in der einige mehr haben (z.B. Bewegungsfreiheit, Entscheidungs- und Entwicklungsmöglichkeiten, Erfolgs- und Gewinnstreben, Aufsichtsratsposten) und andere eben weniger.

EDIT: Zusatzinfo für alle Leser_innen, die nicht wie ich den liebenlangen Tag auf Twitter & Co. rumhängen: Angeregt wurde ich zu meinen Gedanken durch diesen Blogpost von Michael Seemann/@mspro, der darin die Reaktionen auf seine Spenden-Aktion kommentiert hat. Mein Text hat damit aber nicht direkt zu tun, es brachte mich nur dazu, über Neid nachzudenken.

Lieblingsstreberinnen

Yoko Tsuno Jadzia Dax
Quelle: persephonemagazine.com, en.memory-alpha.org

Seit es das MISSY MAGAZINE gibt, habe ich eine Lieblingsrubrik (die trägt das sogar schon im Namen) – die „Lieblingsstreberinnen“. In jedem Heft gibt es eine Hommage an eine Mädchen- oder Frauenfigur aus der Popkultur, die durch Wissensdurst, Intellekt, Schlagfertigkeit und insgesamte Großartigkeit begeistert. Das reicht von kleinen, schlauen Streberinnen wie der Biene Maja, scharfzüngigen Ikonen der Strebsamkeit wie Paris Geller (Gilmore Girls) oder Jadzia Dax (Deep Space 9) bis hin zu Comic-Heldinnen wie dem Universalgenie Yoko Tsuno (ihr gehört seit 20 Jahren meine gleichbleibende Verehrung). Besonders begeistert mich, dass dabei fiktionalen Charakteren gehuldigt wird, die sowohl unterhaltsam als auch tolle Vorbilder waren und sind. Porträts wie diese werden oft nur realen Personen gewidmet. Angesichts der großen Rolle, die Heldinnen (und Helden) aus Serien, Filmen, Büchern und Comics gerade in Kindheit und Jugend spielen, erscheint es mir aber fast genauso wichtig, jenen zu huldigen. Insbesondere, wenn es sich um komplexe, schlaue, humorvolle Charaktere handelt, die ihrem Publikum aufzeigen, dass Neugier und Wissen nicht unmädchenhaft sind, sondern schlagfertig, abenteuerlustig und cool machen. Und damit auch noch das Label der Streberin positiv umcodiert, mit dem weiblicher Wissensdurst verunglimpft wird. (Dies gilt für den Streber natürlich genauso. Allerdings wird der, v.a. als Nerd oder Geek, schon länger in popkulturellen Zusammenhängen thematisiert und auch aufgewertet als der weibliche).

Blossom Amy Farrah Fowler Mayim Bialik
Quelle: sablog.de, philly.com, bigbangtheory.wikia.com

Vor kurzem ist mir nun eine Streberin untergekommen, auf die dieses Label gleich in mehrerer Hinsicht zutrifft. Der Name Mayim Bialik dürfte erstmal den Wenigsten etwas sagen. Dabei ist sie als Schauspielerin schon lange im Geschäft: als Teeniestar verkörperte sie in der 90er Jahre-Serie „Blossom“ fünf Staffeln lang den titelgebenden Teenager. Blossom ist sehr intelligent und fantasievoll, was ihr hilft, den etwas schwierigen Familienalltag mit alleinerziehendem Vater (!) und zwei Brüdern zu meistern. (Die Serie lief auch in Deutschland, aber nicht so präsent (und oft wiederholt) wie andere – leider kenne ich sie daher nicht so gut). Aktuell ist Bialik wieder als Streberin im TV zu sehen: als hochintelligente Neurobiologin Dr. Amy Farrah Fowler in „The Big Bang Theory“ zeigt sie, dass auch Frauen furchtbar verkopfte, liebenswerte Nerds sein können. Als Kind-of-Love-Interest von Sheldon Cooper eingeführt, hat sie sich mit ihrem mal nüchternen, mal unbeholfenen und manchmal herrlich zynischen Blick auf das Zwischenmenschliche schnell als eigenständige Figur etabliert und ein gutes Gegengewicht zu den männlichen Science-Nerds geschaffen.

Neben diesen zwei TV-Heldinnen ist Bialik aber auch eine „echte“ Lieblingsstreberin: denn die Zeit zwischen Blossom und Amy verbrachte sie nicht eben hollywoodtypisch. Neben Rollen hier und da ging sie zur Uni und machte (noch vor „Amy“) einen Doktor in Neurowissenschaften. Andere hätten sich vielleicht die wenig Starlet-taugliche Nase operieren lassen, Diät gemacht und Rollen gejagt. Sie ging lernen, wurde umweltbewegte Mama und Wissenschaftlerin und spielt jetzt trotzdem wieder in einer international erfolgreichen Serie mit. Für mich ist sie damit eine Lieblingsstreberin im besten Sinne – und auch erwähnenswert, weil am 07.10. „Ada Lovelace Day“ ist, den Frauen in der Wissenschaft gewidmet. Mehr dazu erfahrt ihr z.B. bei hanhaiwen auf „Drop the thought“ – und hoffentlich noch mehr dazu lesen wir dann am 07.10.!

Es ist angerichtet: Auto, an Frau serviert.

Vor Jahren erzählte mir ein Bekannter (damals Student), dass er regelmäßig einen Messejob auf der IAA (der „Internationalen Automobil-Ausstellung“) mache: als Ansprechpartner für Testfahrten (oder so) bei einem großen deutschen Autohaus. Dies seien recht begehrte Jobs, belehrte er mich – er bekäme das komplette (sportliche) Outfit von der Firma gestellt, dürfe mal mit neuen Autos fahren und außerdem gäbe es ganz gut Geld. Natürlich sei das auch anstrengend, aber kein Vergleich zu den angestellten Mädels: die müssten immerhin den ganzen Tag in High Heels da rum stehen, während er Turnschuhe tragen „müsse“. Aber es kam noch besser: seiner Erzählung nach erhielten die Angestellten, Männlein wie Weiblein, vorher die gleiche Einarbeitung bezüglich der dort präsentierten Autos. Wie das vermutlich für so Messejobs ist: es gibt einen oder mehrere Einarbeitungstage, und dazu müssen halt alle da sein. Das Training enthielt aber auch folgende Regel: wenn die neben den Autos postierten Damen auf Details zum Modell oder auf Testfahrten angesprochen werden, sollen sie an ihre männlichen Kollegen verweisen, selbst aber keine Auskünfte erteilen – obwohl sie die gleichen Infos wie die (ansonsten in der Regel ebensowenig mit Fachwissen ausgestattenen) Jungs parat hatten. Mein Bekannter war davon irritiert-amüsiert: er hatte eigentlich keine Ahnung von Autos, aber die Experten sollten eben die Männer sein – das erwarteten die Besucher_innen ja so (irgendwie so war wohl die Erklärung).

Nun, das ist eine Anekdote. Ist schon eine Weile her, und ich würde es nicht als knallharten Tatsachenbericht verkaufen wollen. Wenn ich mir die Bilder von der gerade laufenden IAA ansehe (ich will nicht unbedingt Klicks für mäßig tolle Seiten produzieren, aber wer gucken will – z.B. bei der Welt), scheint es mir aber zumindest einigermaßen wahrscheinlich. Was ich daran so frappierend finde: dass es immer noch solche Orte und Events gibt, an denen Sexismen wie „die Models sind nur Dekoration“ einfach so als Tradition verbucht werden und „dazugehören“. Und es handelt sich dabei nicht um schlüpfrige Nischen, sondern maßgebliche Veranstaltungen mit zigtausend Besucher_innen und riesiger Ausstrahlung. Und die Kombination Auto – „sexy“ Frau scheint eine besonders hartnäckige zu sein. Mich würde wirklich interessieren, ob die Hostessen inzwischen die Autos auch fahren oder erklären dürfen – ich tippe allerdings auf: falls ja, dann nur als zusätzliches Gimmick. Und in der Berichterstattung bleiben sie die Dekoration – oftmals ja nicht mal „komplett“, sondern nur noch als ein paar Beine in Pumps. Köpfe: sind nur eingeschränkt interessant bzw. verzichtbar (interessant dazu: der gestern erschienene Artikel von Teresa Bücker und die Lisa Bloom-Zitate).

Hoffnung macht mir in der oben verlinkten Welt-Fotostrecke aber immerhin ein Bild: die kroatische Autodesignerin Ana Zadnik, am Steuer ihres für Renault designten Elektroautos. Die hat unter anderem am prestigeträchtigen Londoner Royal College of Art studiert und präsentiert das Auto selbst. Dabei sieht sie: ganz normal adrett aus. Mit Kopf und allem.