Archiv der Kategorie: Konsum

„Natürliches Make-up“ als Gesichter-Default. Oder: So wie ich, nur in hübsch.

Die letzten Tage kursierte das Video „Fotoshop by Adobé“ des Filmemachers Jesse Rosten durchs Netz, in dem er die durch digitale Bildbearbeitung verzerrten Schönheitsstandards in Werbung, Magazinen etc. aufs Korn nimmt: „There’s only one way to look like a real covergirl: it’s (Ph)Fotoshop“. Photoshop ist zum Symbol für diese problematische Entwicklung geworden – was etwas in die Irre führt, schließlich trifft ja nicht das Programm die Schuld, sondern die Entscheider_innen, die damit diesen Look kreieren. Well, so ist es eben griffiger. Es geht darum, den eigenen Körper nicht als mangelhaft zu empfinden im Vergleich zu einer Perfektion, die am Computer entstanden ist. Nicht Zeit, Geld, Emotionen und Gesundheit darauf zu verschwenden. Statt dessen eine Vorstellung von Schönheit in Frage zu stellen, die furchtbar eindimensional und einschränkend ist und die ohnehin nur digital wirklich erreicht werden kann. Trotz der offenkundigen Künstlichkeit versuchen uns die Hochglanzbilder der Magazine, der Werbung oder Modewelt aber doch weiszumachen, sie seien irgendwie natürlich, und die abgebildeten Models und Celebrities derartig makellos. Auf das wir Produkte erwerben, um uns der Makellosigkeit anzunähern – oder unser Defizit zumindest zu kompensieren.

Diese Opposition von künstlich und (vermeintlich) „natürlich“ stößt mir auch an anderer Stelle sauer auf. Und zwar bei einer der perfidesten Erfindungen der modernen Kosmetikindustrie: dem so genannten „natürlichen Make-up“. Weiterlesen

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Dekoration separat erhältlich.

  

Küchen Keie! Dein 20-Jahre-Jubiläumsplakat ziert eine recht junge Dame, die ihrer Kleidung nach zu urteilen gerade auf dem Weg zu ihrem Abschlussball ist. In einer Küche läuft sie also vor allem Gefahr, sich das Kleid zu ruinieren (auch sieht eure Küche nicht so aus, als fände da gerade eine Party statt). Eine Küche hat sie, ihrem Alter nach zu urteilen, vermutlich auch noch nie gekauft. Zu euren Kunden (die, die wissen warum) zählt sie demnach eher nicht. Hätte sie das Geld für eine eurer Küchen – ich wage zu behaupten, dass sie es, je nach Gusto, eher fürs Backpacken durch Südostasien oder eine Prada-Handtasche auf den Kopf hauen würde. Es bleibt also die Frage: was treibt sie da auf eurem Plakat?

Ähnliches muss ich mich beim „Main-Taunus-Zentrum“ fragen, wird doch dessen Neueröffnung von einer ähnlich schick gewandeten Dame flankiert. Sie geht vielleicht zu einer Salsa-Party, aber eher nicht ins Shopping-Center. Dort könnte sie dieses festliche Outfit zwar ohne weiteres erwerben. Ob das als Werbekonzept aber so durchdacht ist? Denn erwerben könnte sie dort (immerhin „Hessens größtes Shopping-Center“) sicher auch Waffeleisen, Squash-Schläger, Hundeleckerlis und externe Festplatten.

Also, ihr Möbel- und Küchenfachgeschäfte, Elekromärkte, Einkaufscenter und lokale Radiosender. Was ist das immer mit den Mädchen in Ballkleidern? Raffinierte, kluge Werbestrategien sind jedenfalls nicht euer Begehr. Ob das nun eine Geldfrage ist, schlechte Beratung oder ob ihr es tatsächlich für eine total schicke Idee haltet – jedenfalls zieren eure Jubiläums-, Sonderangebots-, Neu- oder Wiedereröffnungsplakate nur zu gerne eine junge Dame in festlichem Outfit. Eine inhaltliche Verbindung zu Produkt, Haus oder Marke herzustellen ist dabei eine überflüssige Mühe, was den Models einwandfrei eine reine Dekofunktion zuweist. Hat ja auch Tradition, irgendwie, und wird in manchen Kontexten auch gerne live zelebriert. Als vordergründige Verbindung genügt die Konnotation „festlich“ und „besondere Gelegenheit“ = Mädchen in festlicher Gewandung. Und wir sind ja auch so schön daran gewöhnt.

Einfach schlechte Werbung, nicht der Rede wert? Naja. Mich wundert jedenfalls nicht, dass auf der immerwährenden ToDo-Liste im Unterbewusstsein vieler Mädchen und Frauen der Punkt „eine Zierde sein“ oft ziemlich weit oben steht.

Es ist angerichtet: Auto, an Frau serviert.

Vor Jahren erzählte mir ein Bekannter (damals Student), dass er regelmäßig einen Messejob auf der IAA (der „Internationalen Automobil-Ausstellung“) mache: als Ansprechpartner für Testfahrten (oder so) bei einem großen deutschen Autohaus. Dies seien recht begehrte Jobs, belehrte er mich – er bekäme das komplette (sportliche) Outfit von der Firma gestellt, dürfe mal mit neuen Autos fahren und außerdem gäbe es ganz gut Geld. Natürlich sei das auch anstrengend, aber kein Vergleich zu den angestellten Mädels: die müssten immerhin den ganzen Tag in High Heels da rum stehen, während er Turnschuhe tragen „müsse“. Aber es kam noch besser: seiner Erzählung nach erhielten die Angestellten, Männlein wie Weiblein, vorher die gleiche Einarbeitung bezüglich der dort präsentierten Autos. Wie das vermutlich für so Messejobs ist: es gibt einen oder mehrere Einarbeitungstage, und dazu müssen halt alle da sein. Das Training enthielt aber auch folgende Regel: wenn die neben den Autos postierten Damen auf Details zum Modell oder auf Testfahrten angesprochen werden, sollen sie an ihre männlichen Kollegen verweisen, selbst aber keine Auskünfte erteilen – obwohl sie die gleichen Infos wie die (ansonsten in der Regel ebensowenig mit Fachwissen ausgestattenen) Jungs parat hatten. Mein Bekannter war davon irritiert-amüsiert: er hatte eigentlich keine Ahnung von Autos, aber die Experten sollten eben die Männer sein – das erwarteten die Besucher_innen ja so (irgendwie so war wohl die Erklärung).

Nun, das ist eine Anekdote. Ist schon eine Weile her, und ich würde es nicht als knallharten Tatsachenbericht verkaufen wollen. Wenn ich mir die Bilder von der gerade laufenden IAA ansehe (ich will nicht unbedingt Klicks für mäßig tolle Seiten produzieren, aber wer gucken will – z.B. bei der Welt), scheint es mir aber zumindest einigermaßen wahrscheinlich. Was ich daran so frappierend finde: dass es immer noch solche Orte und Events gibt, an denen Sexismen wie „die Models sind nur Dekoration“ einfach so als Tradition verbucht werden und „dazugehören“. Und es handelt sich dabei nicht um schlüpfrige Nischen, sondern maßgebliche Veranstaltungen mit zigtausend Besucher_innen und riesiger Ausstrahlung. Und die Kombination Auto – „sexy“ Frau scheint eine besonders hartnäckige zu sein. Mich würde wirklich interessieren, ob die Hostessen inzwischen die Autos auch fahren oder erklären dürfen – ich tippe allerdings auf: falls ja, dann nur als zusätzliches Gimmick. Und in der Berichterstattung bleiben sie die Dekoration – oftmals ja nicht mal „komplett“, sondern nur noch als ein paar Beine in Pumps. Köpfe: sind nur eingeschränkt interessant bzw. verzichtbar (interessant dazu: der gestern erschienene Artikel von Teresa Bücker und die Lisa Bloom-Zitate).

Hoffnung macht mir in der oben verlinkten Welt-Fotostrecke aber immerhin ein Bild: die kroatische Autodesignerin Ana Zadnik, am Steuer ihres für Renault designten Elektroautos. Die hat unter anderem am prestigeträchtigen Londoner Royal College of Art studiert und präsentiert das Auto selbst. Dabei sieht sie: ganz normal adrett aus. Mit Kopf und allem.

#DIY oder: niemand hört auf Tocotronic.

Vor ein paar Tagen ausgelesen: das Buch „Hab ich selbst gemacht. 365 Tage, 2 Hände, 66 Projekte“ von Susanne Klingner. Darin dokumentiert sie ihr Experiment, ein Jahr lang so viel wie möglich selbst zu machen. Von naheliegenden Tätigkeiten wie Brotbacken, die sich in ihrer ständigen Wiederholung allerdings als ganz schön anstrengend herausstellen, bis hin zu ausgefalleneren Selbstmacharbeiten wie Käsen, Schustern und Seife kochen probiert sie alles mögliche aus, und beschreibt die Frust- und Erfolgsmomente wunderbar ehrlich und sympathisch. Nebenbei macht sie sich kluge Gedanken über den anhaltenden Trend zum Selbermachen, warum Stricken auf einmal cool ist (aber sie sich zunächst trotzdem altbacken fühlt), und welche Ursprünge die DIY-Lust haben könnte. Sehr interessant fand ich dabei, was ihr nach einiger Zeit beim Streifen durch ein Kaufhaus durch den Kopf geht:

„Ich fürchte, ich habe den Draht zur Konsumgesellschaft verloren. Einerseits war ein bißchen Abstand ja einer der Gründe für mein Experiment. Andererseits fühle ich mich in diesem Moment auch irgendwie ausgeschlossen – so als sei ich nur zu Besuch im ganz normalen Alltag der anderen Menschen. Ich habe das Gefühl: Konsumieren hält alles zusammen. Es ist das, was alle Menschen tun. Sie gehen arbeiten, um Geld zu verdienen, um Dinge zu kaufen. Konsum ist Teil unseres gesellschaftlichen Kreislaufs.“

Das mag sich zuerst nicht nach einer bahnbrechend neuen Erkenntnis anhören. Es ist aber schon etwas, das Leute nicht besonders gerne aussprechen. Wir tun gerne mal so, als wäre uns das alles nicht so wichtig mit dem Konsum. Als wäre dies nur eine Notwendigkeit und keine Sache, die vieler Menschen einzigste Vorstellung von Freizeitgestaltung ist – oder von gesellschaftlichem und persönlichem Erfolg. Kaufen kann eben auch glücklich machen. Was es bedeuten kann, davon ausgeschlossen zu sein (oder sich dagegen zu entscheiden), davon erhält man bei Susanne Klingner eine Ahnung. Und dazu gibt’s jede Menge Ideen, was Mensch nun selbst mal machen könnte. Ich zumindest fühlte mich an diverse Ideen gemahnt, die mir eh schon lange durch den Kopf gingen, und noch ehe ich halb durch war, juckte es mich stark in den Fingern.


Trotzdem kam es mir erstmal sehr gelegen, dass in dieser Woche auch die Ausstellung DIY – Die Mitmachrevolution im Museum für Kommunikation Frankfurt eröffnet hat. Da konnte ich am Thema dran bleiben, aber trotzdem erstmal passiv weiterkonsumieren. Die Ausstellung widmet sich der Geschichte des Selbstmachens bis hin zu seinen aktuellen, modernen Formen, und fächert den Begriff in viele unterschiedliche Facetten auf: nicht nur das Selbermachen als Hobby, sondern auch dessen Notwendigkeit in Zeiten des Mangels, die wirtschaftliche Nutzung in der Selbstbedienung, die Bedeutung in Protestkulturen bis hin zu neuesten Formen in Open Source Projekten (z.B. bausteln), Plattformen wie etsy oder „Online Customization“. Dabei hab ich einiges für mich Neues entdeckt – zum Beispiel die fabelhaften „IKEA Hacks“. Ebenfalls spannend ist, wie sich in der Geschichte der Selbermachkultur Geschlechterstereotype manifestieren. Klar: Mädchen häkeln, Jungen werkeln. Klingt nach 50er Jahre, dabei wird Selbermachspielzeug ja heute (wieder? noch?) oft genug und bedauerlicherweise genauso gegendert (Perlenset für Mädchen, Laubsäge für Jungs). Und obwohl z.B. der allgemeine Kochtrend eigentlich für eine Auflösung der Zuschreibungen sorgen könnte, gibt es ja nun auch eine fleischige Kochzeitschrift für männliches Kochen. Was auch immer das sein mag…

In jedem Fall gibt es bei der DIY-Ausstellung auf gar nicht mal so viel Raum sehr viel zu entdecken und zu gucken – noch bis 19.02.2012 in Frankfurt/M., dann ab 30.03.2012 in Berlin. Ach ja, und von wegen „passiv konsumieren“ – was zum Mitmachen gibts natürlich auch. Dafür war’s nur an der Eröffnung zu voll. Also Vorsicht: gesteigerter Selbstmachdrang kann die Folge sein! Immerhin wird hier nicht weniger als eine Revolution ausgerufen. Vielleicht poste ich demnächst ja mal ein paar verpatzte Resultate…

Mehr Ausstellungseindrücke:

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«Publisexisme ordinaire»

Neulich in Paris (schon wieder) regte ich mich ein bißchen über eine Reihe von großformatigen Schmuckwerbungen in der Metro auf, aus denen im wesentlichen hervorgeht, dass Frauen sich erst durch teure Schmuckgeschenke (vierstellig) richtig doll verlieben und Verliebte solch schmachtende Blicke, wie sie die Frauen von den Plakaten werfen, ohne Brillianten eben nicht erwarten können (und andere Zuwendung vermutlich auch nicht). Frauen wollen halt reich dekoriert werden, sonst werden sie nicht warm. Kennen wir ja. Das ist im Bereich der Schmuckwerbung zwar relativer Standard, aber das macht es kaum weniger nervig.

Nun hat mein Korrespondent in Paris eines der Plakate fotografiert, auf dem sich offensichtlich ein_e Gleichgesinnte_r aus Frankreich mit dem Spruch „Publisexisme ordinaire“ verewigt hat (leider nicht so gut zu erkennen). Das Plakat mag für sich genommen kein besonders großer Aufreger sein (mehr die Gesamtaussage dieser Schmuckkampagne, s.o.). Besonders interessant finde ich daran aber, dass in Frankreich offenbar ein eigenes Wort für Sexismus in der Werbung kreiert wurde – Publisexisme, das kennt sogar die Wikipedia. Damit wird das Problem als solches manifest.

Angesichts dessen, was uns Axe und Co. auch hier immer wieder vor die Nase setzen, denke ich stark über eine Übernahme nach. Wobei, „sexistische Kackscheisse“ lief ja bisher eigentlich ganz gut…

 

Kreta, atlantisch.

Die Nachrichten sind gerade voll mit Griechenland – gepaart mit Schlagwörtern irgendwo zwischen Rettung, Krise und Milliarden. Letzte Woche habe ich mir mal einen Eindruck von der Lage vor Ort verschafft, also, genauer: auf Kreta. Zugegeben, der Grund meiner Reise war nicht die wirtschaftliche Lage, also, ähm, nicht vorrangig. Durch allerlei mehr oder weniger lustige Zufälle habe ich nämlich Verwandschaft auf Kreta, und daher war ich bereits zum dritten Mal dort. Und eigentlich ist alles ganz normal. Autos, Bars, Restaurants, Drogerien, Klamotten. Kinofilme, Videospiele, Internetcafés. Touristen, Strand, Meer. Wie wir das so kennen, nur in der mediterranen Variante.

Aber dann. Sitzen wir Abends in einem beliebten Restaurant ganz allein rum, als einzigste Gäste in einem Lokal, dass gut 100 Platz bietet – ich kannte es nur voll. Die Kellnerin warnt uns vor, es gibt vielleicht nicht mehr alles, weil sie ihr Hauptgeschäft jetzt nur noch Mittags machen. Abends kommen nicht mehr so viele. Ist dann aber doch alles da, was wir essen wollen, und der Tisch biegt sich. Andere Gäste kommen trotzdem nicht.

Oder der Supermarkt, der einem Bekannten das Gehalt nicht mehr bezahlen konnte. Jetzt dürfen sie jeden Monat für einen bestimmten Betrag einkaufen. Bis damit das ausstehende Gehalt abgegolten ist, würde es Jahre dauern. Das wird aber nichts, denn auch das kann sich der Supermarkt nun nicht mehr leisten – er ist wohl einfach bald pleite. Und dann fallen mir doch einige Geschäfte auf, die zugemacht habe und deren Schaufenster vergeklebt sind. Andere, internationale Ketten wie Sephora oder Zara, sind schick und leer, mit gelangweilten VerkäuferInnen. Bars und Restaurants an der Hafenpromenade sehen betont modern aus, frisch irgendwo zwischen „Club-“ und „Lounge-Stil“ renoviert und ausgestattet, schon fast aufdringlich um Touristen und einheimische Gäste buhlend.

Das Geld wird zusammengehalten. Manchmal sogar einfach zuhause, vermutlich nicht in der Matratze, sondern irgendwie Erfinderisch. Vielleicht erscheint das Ersparte dort am sichersten, wo man es sehen und fühlen kann. Viele denken auch darüber nach, etwas ins Ausland zu tun. Banken lassen ohne Grund Kreditkartenzahlungen zurückgehen, geben erst nach langen Telefonaten nach, trotz gedeckten Konten. Die Demonstration vor der Markthalle bleibt dagegen recht übersichtlich, der Redende freut sich lautstark über den großen Andrang von ca. 200 Zuhörern. Die Stimmung erscheint weniger rebellisch als vielmehr abwartend, angespannt. Und auch ein bißchen verzweifelt. Niemand weiß so recht, was jetzt eigentlich passiert. Ein sich langsam und dennoch stetig beschleunigender Rutsch in den Abgrund? Oder doch langsam rauf? Natürlich kann ich das nicht mal annähernd wirklich beurteilen. Ich bin keine Griechenland- und auch keine Wirtschaftsexpertin, und habe keine Wochen dort zugebracht, nur ein paar Tage. Aber zumindest kenne ich ein paar wenige Griechen, die in Griechenland leben. Und habe ein bißchen Stimmung eingesogen. Die würde ich, am einfachsten ausgedrückt, mit „nervös“ beschreiben. Nervenaufreibend nervös.

Und wie immer wird mir leicht beschämt klar, wie gut es mir eigentlich geht, und wie oft ich trotzdem das Gefühl habe, alles müsste irgendwie viel besser sein.

 

 

Angst vor Gemüse, Angst um Fisch.

Meer und Meeresgetier lag mir schon immer Herzen. Woher das kommt, kann ich nicht genau sagen. Ein bißchen sind es sicher die umweltbewegten 80er Jahre, mit all den Greenpeace-Stickern und Malwettbewerben zum Waldsterben. Ich nannte etliche „Wale und Delfine“ und „Wunder der Tiefsee“-Sachbücher mein eigen und zierte die Wände mit Walpostern. Und wollte Meeresbiologin werden, aber vermutlich auch, weil das irgendwie exotisch klang. Wer kennt schon eine Meeresbiologin? In den letzten Jahren ist das zurückgekommen (das mit den Meerestieren, nicht die Meeresbiologie – schade eigentlich). Unter anderem gibt es in meinem Umfeld immer mehr Vegetarier, von denen manche nur auf Fleisch verzichten, Fisch aber gerne essen. Find ich ein bißchen unsinnig, zumindest, wenn man ökologische Argumente anführt. Ich las vom Verschwinden des Blauflossenthunfisch, von Schleppnetzen und Langleinen und Beifang und dem ganzen Müll. Und vor allem stellte ich fest, dass es eigentlich niemanden so richtig interessiert. Vielleicht habe ich deswegen ein Herz für Fische: sie kommen mir so unbeachtet vor. Die Außenseiter der als essbar erklärten Tierwelt.

Nun grassiert der böse Keim, und die Menschen hören auf, Gemüse zu essen. Nicht nur die inkriminierten Gurken, Tomaten und Blattsalate und seit neuestem Sprossen (wobei ich den Durchschnittssprossenkonsum ja für überschaubar halte), sondern – so hat es den Anschein – auch so ziemlich alles andere, was irgendwie farbig aus der Erde kommt: Broccoli, Karotten, Erdbeeren, Äpfel… Die Presse rechnet uns seit Tagen den wirtschaftlichen Schaden vor und tut, was sie am liebsten macht: Schuldige suchen, sowohl in den Reihen der Sachverständigen und Politiker_innen als auch in den Reihen von Gemüse und Obst. Als Freizeit-Hypochonder hab ich für die Panik der Leute ziemlich viel Verständnis. Auch für den Unmut von Bauern, Händlern, Restaurantbesitzern, die unvorhergesehene Gewinneinbußen zu beklagen haben. Und das vermutlich: für nix.

Fishspotting

Aber: Heute ist der Welttag des Ozeans. WWF und Greenpeace beschreiben eindrucksvoll, wie schlecht es um die Meere und Fischbestände steht. Und führen auch die wirtschaftlichen und ökologischen Folgen aus, die das haben kann. Eigentlich genug Stoff für ein paar Panikszenarieren. Trotzdem essen die Leute gerade keinerlei Gemüse mehr, nicht etwa Fisch. Wie gesagt, verdenken kann ich es ihnen nicht. Die Bedrohung der Meere ist vermutlich so schlecht zu fassen wie deren Größe vorstellbar ist. Und EHEC ist, auch dank der freundlichen Unterstützung der Qualitätsmedien, so präsent wie es nur geht (dazu sehr treffend mein heutiger Lieblingstweet). Da hat Verbraucher_in natürlich erstmal um die eigene, unmittelbare Haut Angst.

Allerdings, wenn das Gemüse dann bald wieder wohlwollend verzehrt wird (die Spanne für solche Reaktionen ist ja überschaubar), vielleicht mag sich ja dann jemand über die Fische Gedanken machen, wenn schon nicht am vorgesehenen Gedenktag*, dessen Medienecho verhalten blieb. Journalisten zum Beispiel. Wie gesagt: Eine ordentlich panische Ausrufezeichen-Überschrift gibt das Thema allemal her!

*Ähnlich untergegangen wie der Tag ist eine Pressemeldung von McDonalds Österreich: Sie werden ab Oktober 2011 ihren Gästen im Fischburger künftig nur noch MSC-zertifiziertes Filet vorsetzen. Das ist ein guter Schritt, vor allem, weil es McDonalds ist. Leider ist das MSC-Siegel aber in seiner Wirksamkeit nicht unumstritten und unter Feigenblatt-Verdacht. Tja. Wie das immer so ist.