Archiv der Kategorie: Stereotype

Ein Wieder-Da-Post: Filmfestivals, LEGO, Internet und so.

So: wieder da. Viel zu viele Wochen mehr oder weniger unfreiwilliges Blogbrachland liegen hinter mir, was mir besonders leid tut, nachdem es bei meinen letzten Blogpost im Januar (gottohgott) so viel Resonanz gab, auf die einzugehen ich schon da nicht mehr richtig Zeit hatte. Dafür noch mal: sorry! Abgelenkt war ich durch so Lebensdinge wie eine Wohnung suchen und finden, einen neuen Job in einer neuen Stadt anfangen, umfangreich und in mehreren Portionen umziehen und irgendwie ein, so heißt es wohl, neues Leben anfangen, nicht radikal neu-neu, aber so ein bißchen.

Zeitgleich ging meine komplette Online-Frei-Zeit für ein anderes Herzensprojekt von mir drauf, nämlich die Online-Redaktion (plus Social-Media-Parade) für das Frankfurter Filmfestival LICHTER, das in diesem Jahr nicht nur mehr Programm hatte, sondern auch noch einen kompletten Website-Relaunch wenige Wochen vor dem Festival. Das macht viel Spaß, wäre aber im Prinzip mindestens eine Halbtagsstelle, die dementsprechend neben einer vollen Lohnarbeit dann doch etwas stressig werden kann. Dazu ließe sich erörtern, wie chronisch unterfinanziert viele ambitionierte Kulturangebote trotz ihrer Bedeutung fürs Stadtleben sind und wie sie ohnehin nur durch leidenschaftliche Selbstausbeutung und Ehrenamt zustande kommen können – mach ich vielleicht mal demnächst, aber das Problem ist vermutlich hinlänglich bekannt. Ich war jedenfalls schwer damit beschäftigt, viele Dinge ins Netz zu tun (nur nicht hier) und habe am Festival selbst noch ein bißchen offline agiert und in Mikrofone gesprochen (und geglitzert).

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Unterdessen sind viele Themen gekommen und gegangen, zu denen unfertige Blogposts in meiner Kopf schwurbelten (und um die es rückblickend betrachtet auch nicht wirklich schade ist. Kann im Internet auch mal von Vorteil sein, der Zeitmangel.) Unter anderem Gedanken gemacht habe ich mir zu LEGO.

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Die Frage, ob in deutschen Marketingabteilungen Goethe gelesen wird

Im Kino gewesen. Dabei über eine Art Filmplakat-Tryptichon für den demnächst anlaufenden Science-Fiction-Thriller „In Time“ gestolpert. Dem Trailer nach zu urteilen erstmal ganz attraktiv (zumindest für mich mit Sci-Fi-Faible): eine Art technisch-medizinische Dystopie, in der Lebenszeit zur Ware und Währung geworden ist. Das Motiv erinnert an „Logan’s Run“, wird bei „In Time“ aber auf die Jetztzeit und soziale Konflikte übertragen. Alle bleiben jung, doch die Armen können sich lediglich die Grundversorgung an Zeit leisten (ein Kaffee kostet 5 Minuten!) und werden kaum älter als 25, während die Reichen ewig zu leben scheinen. Auf Modulen gespeicherte Lebenszeit wird zum begehrten und gejagten Objekt, denn natürlich basiert die Macht der Oberklasse auf der ungleichen Verteilung. Und so jagen also attraktive junge weiße Menschen in attraktiven Szenarien einander die Zeit ab. Soweit der Eindruck nach dem Trailer. Der dystopie-erprobte Regisseur (Andrew Niccol, u.a. „Gattaca“, „Truman Show“) und die Cast machen mich durchaus neugierig, denn neben Justin Timberlake (mit dem ich als Schauspieler noch meine Probleme habe) gibt es zwei „von der Erfolgsserie auf die Leinwand“-Darsteller (Vincent Kartheiser aus „Mad Men“, Johnny Galecki aus „The Big Bang Theory“) und meinen Lieblings-Hermaphrodit Cillian Murphy (siehe „Breakfast on Pluto“) zu sehen.

Nach diesem etwas zu ausführlichen Nerdetten-Intro zurück zum eigentlichen Thema: das Filmplakat, bzw. die Plakate.

   
Quelle: critic.de, filmstarts.de

Dies ist die englische/internationale Version. Recht typische Sci-Fi-Farben und auch die Slogan-übers-Gesicht-Gestaltung ist gerade sehr en vogue. In der deutschen Kino-Version, wie ich sie gestern hängen sah (und die ich online nicht finden konnte), gibt es allerdings einen kleinen Unterschied. Die Plakate sind zwar identisch und über Justin Timberlakes Gesicht steht, entsprechend übersetzt, „Zeit ist Macht“. Bei der Hauptdarstellerin Amanda Seyfried allerdings steht, deutlich umgedeutet: „Zeit ist Liebe“. Na sowas.

Das deutsche Marketing entschied sich also von der Fleißbildchenweisheit „Zeit ist Geld“ – und damit ja auch ein stückweit von der Thematik des Films – abzurücken und statt dessen auf eine „klassische“ Zuschreibung zurückzugreifen: Sie die Liebe, er die Macht. Kennen wir ja: Das Ewig-Weibliche zieht uns hinan! Ob bei der Umsetzung Goehte konsultiert wurde, ich weiß es nicht. Zwar werden auch im mittleren, offiziellen Filmposter die romantische Storyline und das stereotype Kräfteverhältnis (sie blickt zu ihm auf, er hält ihren Nacken) vermittelt, doch immerhin dadurch aufgelockert, dass sie eine Waffe und damit auch ein Machtsymbol in der Hand hält. Dies entspricht den „power/money“-Slogans: Beide Hauptfiguren sind dadurch potentielle Handlungsträger der zu erzählenden Geschichte und also nicht nur romantisch miteinander, sondern auch ins restliche Geschehen involviert. Mit der Umänderung in „Macht/Liebe“ geht für die weibliche Figur diese Anbindung an die eigentliche Zeit-Jagd-Story verloren. Für sie bleibt nur die Liebe – die wir so schon als ihre wichtigeste Antriebsfeder identifizieren, bevor wir den Film überhaupt gesehen haben. Das macht es nicht nur ärgerlich stereotyp, es macht auch als Werbung weniger Sinn: es werden Erwartungen erfüllt statt Neugier zu wecken – was ein Filmplakat ja eigentlich sollte. Inwieweit es dem Film unrecht tut, will ich mir noch kein Urteil erlauben – dank Story und Regisseur könnte er doch etwas mehr hergeben als das, trotz Männerlastigkeit und Amanda Seyfrieds mangaeskem Petticoat-Lolita-Look (sieht zwar gut aus, aber das tun Klischees eben oft).

Eine möglicher Gedanke hinter der in dieser Weise veränderten Übersetzung lässt sich leicht ausmachen: durch Betonung der Love-Story soll ein vermeintlich nur an diesen Dingen (nicht aber an Sci-Fi?) interessiertes weibliches Publikum ins Kino gelockt werden. Nicht nur wird also der weiblichen Figur, wieder einmal, allein die Gefühlsseite der Story zugeschrieben, sondern auch potentiellen Plakatbetrachter_innen suggiert: ‚Hier ist für jede_n was dabei, Gefühl für die Frauen, Action für die Männer, denn so sind eben Frauen und Männer (und das seht ihr als Zielgruppe ja wohl genauso?)‘. Es ließe sich einwenden: schlechtes Marketing, flaches Hollywood, und überhaupt. Das ist nicht falsch. Aber trotz allem: aus diesen „Oberflächenerscheinungen“, diesem Mainstrean ist ein Großteil unseres medialen Alltag zusammengesetzt, und der Einfluss gerade der simplen, vermeintlich leicht zu durchschauenden Zuschreibungen auf unsere Vorstellung von Geschlechtern, deren Vorlieben, Stärken und Schwächen ist dabei nicht zu unterschätzen. Oft genug, wie im obigen Beispiel, bedeutet dies: Eindimensionalität und Einschränkung, für alle. Also, Johann Wolfgang: darüber sprechen wir noch.

Suchspiel zur Buchmesse oder: gläserne Buchdecke(l).

Zur Buchmesse kaufe ich mir gerne eine oder mehrere Zeitungen mit Buchmessensonderbeilage. Weniger, weil ich so gerne Dutzende Buchbesprechungen lese, als vielmehr zur Einstimmung auf den alljährlichen Buchmessenzirkusbesuch. Letztes Jahr fiel mir dabei in der Beilage der ZEIT eine recht aufwändige Anzeigenkampagne (denn worum geht es sonst in Buchmessenbeilagen?) des renommierten Carl Hanser Verlags auf. Deren Schwerpunkt fand ich so frappierend, dass ich ihn (für den damaligen Blog) gleich an Ort und Stelle (Zug) in schlechten Photobooth-Fotos festhalten musste. Dort gab es…

 

 

 

 

…sieben Mal Werbung für Schriftsteller. Und für Schriftstellerinnen gab es…

  …null.

Daraus lassen sich zwei Schlüsse ziehen. 1.) Frauen haben Werbung bestimmt gar nicht nötig. 2.) Es gibt vermutlich einfach nicht genug gute Schriftstellerinnen, die der Hanser Verlag unter Vertrag nehmen könnte. Moment, mir ist noch eine dritte Möglichkeit eingefallen. 3.) Der Hanser Verlag ist ein verknöcherter Hort des Patriarchats, in dem das Marketing davon ausgeht, potentielle Leserinnen und Leser verbinden mit „großer Literatur“ und „ehrwürdigem Verlagshaus“ eher Autoren als Autorinnen.

Um der Sache mehr Weiblichkeit zu verleihen, hab ich dann einfach dem Typen mit den längsten Haaren Wimpern aufgemalt und den Bart zugehalten (passend dazu: der undamenhaft abgesplitterte Nagellack).

 Da ich aber keiner weiteren Beilage habhaft werden konnte, scheint mir das irgendwie keine praktikable Lösung.

Nun war ich dieses Jahr natürlich neugierig. Hab mir wieder die ZEIT gekauft, mit der Beilage. Die Hanser Werbung gesucht und gefunden. Durchgezählt. Schlechte Photobooth-Fotos gemacht. Siehe da…

 

 

 

…sieben Mal Männer. Aber immerhin…

…eine Frau. Hey: ist ja jetzt auch 2011.

Es ist angerichtet: Auto, an Frau serviert.

Vor Jahren erzählte mir ein Bekannter (damals Student), dass er regelmäßig einen Messejob auf der IAA (der „Internationalen Automobil-Ausstellung“) mache: als Ansprechpartner für Testfahrten (oder so) bei einem großen deutschen Autohaus. Dies seien recht begehrte Jobs, belehrte er mich – er bekäme das komplette (sportliche) Outfit von der Firma gestellt, dürfe mal mit neuen Autos fahren und außerdem gäbe es ganz gut Geld. Natürlich sei das auch anstrengend, aber kein Vergleich zu den angestellten Mädels: die müssten immerhin den ganzen Tag in High Heels da rum stehen, während er Turnschuhe tragen „müsse“. Aber es kam noch besser: seiner Erzählung nach erhielten die Angestellten, Männlein wie Weiblein, vorher die gleiche Einarbeitung bezüglich der dort präsentierten Autos. Wie das vermutlich für so Messejobs ist: es gibt einen oder mehrere Einarbeitungstage, und dazu müssen halt alle da sein. Das Training enthielt aber auch folgende Regel: wenn die neben den Autos postierten Damen auf Details zum Modell oder auf Testfahrten angesprochen werden, sollen sie an ihre männlichen Kollegen verweisen, selbst aber keine Auskünfte erteilen – obwohl sie die gleichen Infos wie die (ansonsten in der Regel ebensowenig mit Fachwissen ausgestattenen) Jungs parat hatten. Mein Bekannter war davon irritiert-amüsiert: er hatte eigentlich keine Ahnung von Autos, aber die Experten sollten eben die Männer sein – das erwarteten die Besucher_innen ja so (irgendwie so war wohl die Erklärung).

Nun, das ist eine Anekdote. Ist schon eine Weile her, und ich würde es nicht als knallharten Tatsachenbericht verkaufen wollen. Wenn ich mir die Bilder von der gerade laufenden IAA ansehe (ich will nicht unbedingt Klicks für mäßig tolle Seiten produzieren, aber wer gucken will – z.B. bei der Welt), scheint es mir aber zumindest einigermaßen wahrscheinlich. Was ich daran so frappierend finde: dass es immer noch solche Orte und Events gibt, an denen Sexismen wie „die Models sind nur Dekoration“ einfach so als Tradition verbucht werden und „dazugehören“. Und es handelt sich dabei nicht um schlüpfrige Nischen, sondern maßgebliche Veranstaltungen mit zigtausend Besucher_innen und riesiger Ausstrahlung. Und die Kombination Auto – „sexy“ Frau scheint eine besonders hartnäckige zu sein. Mich würde wirklich interessieren, ob die Hostessen inzwischen die Autos auch fahren oder erklären dürfen – ich tippe allerdings auf: falls ja, dann nur als zusätzliches Gimmick. Und in der Berichterstattung bleiben sie die Dekoration – oftmals ja nicht mal „komplett“, sondern nur noch als ein paar Beine in Pumps. Köpfe: sind nur eingeschränkt interessant bzw. verzichtbar (interessant dazu: der gestern erschienene Artikel von Teresa Bücker und die Lisa Bloom-Zitate).

Hoffnung macht mir in der oben verlinkten Welt-Fotostrecke aber immerhin ein Bild: die kroatische Autodesignerin Ana Zadnik, am Steuer ihres für Renault designten Elektroautos. Die hat unter anderem am prestigeträchtigen Londoner Royal College of Art studiert und präsentiert das Auto selbst. Dabei sieht sie: ganz normal adrett aus. Mit Kopf und allem.

Sommerbeine! Die ganze Wahrheit.

Endlich Sommer! Zumindest in meiner Region ist er wie wild ausgebrochen dieses Wochenende. Das ist toll, bedeutet aber für mich auch, dass ich jeden Morgen ein bißchen länger unter der Dusche und manchmal auch ein Pflaster brauche. Denn irgendwann wurde eben beschlossen, dass meine Beinbehaarung unästhetisch ist, die meines Mitbewohners aber nicht. Dabei ist es damit ja meist gar nicht getan. Die Anforderungen in Werbung und Frauenzeitschriften an das so genannte „Sommerbein“ sind hoch und schon mit mehrwöchigem Pflegeprogramm kaum zu erfüllen. Um uns also vor allzu viel Stress zu bewahren – hier nun: die ganze Wahrheit über Sommerbeine.

So siehts aus.

«Publisexisme ordinaire»

Neulich in Paris (schon wieder) regte ich mich ein bißchen über eine Reihe von großformatigen Schmuckwerbungen in der Metro auf, aus denen im wesentlichen hervorgeht, dass Frauen sich erst durch teure Schmuckgeschenke (vierstellig) richtig doll verlieben und Verliebte solch schmachtende Blicke, wie sie die Frauen von den Plakaten werfen, ohne Brillianten eben nicht erwarten können (und andere Zuwendung vermutlich auch nicht). Frauen wollen halt reich dekoriert werden, sonst werden sie nicht warm. Kennen wir ja. Das ist im Bereich der Schmuckwerbung zwar relativer Standard, aber das macht es kaum weniger nervig.

Nun hat mein Korrespondent in Paris eines der Plakate fotografiert, auf dem sich offensichtlich ein_e Gleichgesinnte_r aus Frankreich mit dem Spruch „Publisexisme ordinaire“ verewigt hat (leider nicht so gut zu erkennen). Das Plakat mag für sich genommen kein besonders großer Aufreger sein (mehr die Gesamtaussage dieser Schmuckkampagne, s.o.). Besonders interessant finde ich daran aber, dass in Frankreich offenbar ein eigenes Wort für Sexismus in der Werbung kreiert wurde – Publisexisme, das kennt sogar die Wikipedia. Damit wird das Problem als solches manifest.

Angesichts dessen, was uns Axe und Co. auch hier immer wieder vor die Nase setzen, denke ich stark über eine Übernahme nach. Wobei, „sexistische Kackscheisse“ lief ja bisher eigentlich ganz gut…

 

Kaffee und Kuchen

Symbolbild

Zu Schulzeiten hätte ich nie erwartet, wie sehr die spätere Studien- und Berufswahl auch meine Schulfreund_innen und mich verändern würde in unseren Ansichten, Lebensweisen und Vorlieben. Reichlich naiv, aber die Diskrepanz, die sich aus der Wahl von Chemie-, Kunst- oder Deutsch-LK ergab, war eben doch noch vergleichsweise gering.

Heute sieht frau ihre Schulfreundinnen nur noch selten. Verbundenheit ist da, aber die Leben überschneiden sich nur wenig. Alle paar Monate gelingt es noch, sich für Kaffee, Kuchen und Lebens-Update zu treffen, immerhin. Dann erzählen fast alle von Babies, Kindern und Hochzeiten. Irgendwann heißt es, wie faszinierend es doch sei, dass alle Jungen Baufahrzeuge, Bagger und Planierraupen lieben. Dass das ja irgendwie schon in den Genen so angelegt sei. Und während die Sonne auf die heitere Atmosphäre und die Teller mit Kuchenresten scheint, formen sich in meinem Kopf die Worte, die ich jetzt sagen sollte. Von sozialer Prägung, von Erwartungshaltung und Erziehung. Von Spielzeugindustrie und Stereotypen. Doch meine Zunge leckt sich nur den Kaffee von den angespannten Lippen, und das Gespräch mäandert fort zu anderen Themen.

Das hätte ja nur die nette Stimmung verdorben, sage ich mir später. Menschen haben eben unterschiedliche Ansichten zu diesen Themen, und Mütter machen eine Menge eigene, prägende Erfahrungen. Ich hätte da auch schon sehr weit ausholen müssen mit meinen Argumenten, so viel erklären. Und wir sehen uns doch so selten. Doch in meinem Bauch rumort es, und es liegt nicht am Kuchen. Die nächsten Tage darf ich mir jetzt wieder von mir anhören: Hättest du doch was gesagt.