Archiv der Kategorie: Weltgeschehen

Jahresrückblick zum Thema Gleichstellungs- und Familienpolitik in weniger als 4 Sekunden!

Es ist die wieder die besinnliche Zeit der Jahresrückblicke, des Wahnsinns und der Albernheiten. Frohes Fest!

Das Klo und der Papst.

(Quelle: Huffington Post)

Als ich vor Jahren mit meiner Schwester zusammenwohnte, bekam sie von einem befreundeten schwulen Pärchen einen Kalender zu Weihnachten geschenkt. Der hing fortan bei uns auf dem Klo, das wir „Männerklo“ getauft hatten und mit allerlei Bildern hübscher Männer vollgehängt. Da passte der Kalender gut hin: er war auch voller hübscher Männer, noch dazu in Priesterkluft. Der reine Fetisch! Erst nach einer Weile fand ich heraus, dass er keineswegs aus einem humorvollen Verlag für Homoerotisches stammte, sondern in Rom fotografiert und produziert und rund um den Vatikan verkauft wird. Es handelte sich um den „Calendario Romano“, der Priester und Seminaristen vor Gebäuden des Vatikans zeigt und zudem über den Kirchenstaat und Rom informieren will. An Informationen erinnere ich mich freilich nicht – wer würde sich da auch für was anderes als die Bilder interessieren? Laut den spärlichen Infos, die ich über Google finden konnte, meint der Fotograf Piero Pazzi das auch (vorgeblich?) ganz ernst. Der Kalender hätte gar nichts mit Erotik zu tun, und sei einzig als Souvenir für Rom-Urlauber gedacht – mit Infos und so. Jaja. Aber zumindest wird versichert: bei allen Abgebildeten handle es sich tatsächlich um katholische Geistliche.

Ob das so ist – wer weiß. Ich jedenfalls musste anlässlich der Papstbesuchs-Berichterstattung wieder an die sexy Priester denken, die mal auf meinem Klo hingen. Und was für ein adrettes Bild von Doppelmoral sie abgaben. Leider kann ich nicht in Berlin sein, um den Papst mit zu, äh, begrüßen. Aber ich verlasse mich darauf, dass sich morgen genug Begeisterte finden!

Kreta, atlantisch.

Die Nachrichten sind gerade voll mit Griechenland – gepaart mit Schlagwörtern irgendwo zwischen Rettung, Krise und Milliarden. Letzte Woche habe ich mir mal einen Eindruck von der Lage vor Ort verschafft, also, genauer: auf Kreta. Zugegeben, der Grund meiner Reise war nicht die wirtschaftliche Lage, also, ähm, nicht vorrangig. Durch allerlei mehr oder weniger lustige Zufälle habe ich nämlich Verwandschaft auf Kreta, und daher war ich bereits zum dritten Mal dort. Und eigentlich ist alles ganz normal. Autos, Bars, Restaurants, Drogerien, Klamotten. Kinofilme, Videospiele, Internetcafés. Touristen, Strand, Meer. Wie wir das so kennen, nur in der mediterranen Variante.

Aber dann. Sitzen wir Abends in einem beliebten Restaurant ganz allein rum, als einzigste Gäste in einem Lokal, dass gut 100 Platz bietet – ich kannte es nur voll. Die Kellnerin warnt uns vor, es gibt vielleicht nicht mehr alles, weil sie ihr Hauptgeschäft jetzt nur noch Mittags machen. Abends kommen nicht mehr so viele. Ist dann aber doch alles da, was wir essen wollen, und der Tisch biegt sich. Andere Gäste kommen trotzdem nicht.

Oder der Supermarkt, der einem Bekannten das Gehalt nicht mehr bezahlen konnte. Jetzt dürfen sie jeden Monat für einen bestimmten Betrag einkaufen. Bis damit das ausstehende Gehalt abgegolten ist, würde es Jahre dauern. Das wird aber nichts, denn auch das kann sich der Supermarkt nun nicht mehr leisten – er ist wohl einfach bald pleite. Und dann fallen mir doch einige Geschäfte auf, die zugemacht habe und deren Schaufenster vergeklebt sind. Andere, internationale Ketten wie Sephora oder Zara, sind schick und leer, mit gelangweilten VerkäuferInnen. Bars und Restaurants an der Hafenpromenade sehen betont modern aus, frisch irgendwo zwischen „Club-“ und „Lounge-Stil“ renoviert und ausgestattet, schon fast aufdringlich um Touristen und einheimische Gäste buhlend.

Das Geld wird zusammengehalten. Manchmal sogar einfach zuhause, vermutlich nicht in der Matratze, sondern irgendwie Erfinderisch. Vielleicht erscheint das Ersparte dort am sichersten, wo man es sehen und fühlen kann. Viele denken auch darüber nach, etwas ins Ausland zu tun. Banken lassen ohne Grund Kreditkartenzahlungen zurückgehen, geben erst nach langen Telefonaten nach, trotz gedeckten Konten. Die Demonstration vor der Markthalle bleibt dagegen recht übersichtlich, der Redende freut sich lautstark über den großen Andrang von ca. 200 Zuhörern. Die Stimmung erscheint weniger rebellisch als vielmehr abwartend, angespannt. Und auch ein bißchen verzweifelt. Niemand weiß so recht, was jetzt eigentlich passiert. Ein sich langsam und dennoch stetig beschleunigender Rutsch in den Abgrund? Oder doch langsam rauf? Natürlich kann ich das nicht mal annähernd wirklich beurteilen. Ich bin keine Griechenland- und auch keine Wirtschaftsexpertin, und habe keine Wochen dort zugebracht, nur ein paar Tage. Aber zumindest kenne ich ein paar wenige Griechen, die in Griechenland leben. Und habe ein bißchen Stimmung eingesogen. Die würde ich, am einfachsten ausgedrückt, mit „nervös“ beschreiben. Nervenaufreibend nervös.

Und wie immer wird mir leicht beschämt klar, wie gut es mir eigentlich geht, und wie oft ich trotzdem das Gefühl habe, alles müsste irgendwie viel besser sein.

 

 

Angst vor Gemüse, Angst um Fisch.

Meer und Meeresgetier lag mir schon immer Herzen. Woher das kommt, kann ich nicht genau sagen. Ein bißchen sind es sicher die umweltbewegten 80er Jahre, mit all den Greenpeace-Stickern und Malwettbewerben zum Waldsterben. Ich nannte etliche „Wale und Delfine“ und „Wunder der Tiefsee“-Sachbücher mein eigen und zierte die Wände mit Walpostern. Und wollte Meeresbiologin werden, aber vermutlich auch, weil das irgendwie exotisch klang. Wer kennt schon eine Meeresbiologin? In den letzten Jahren ist das zurückgekommen (das mit den Meerestieren, nicht die Meeresbiologie – schade eigentlich). Unter anderem gibt es in meinem Umfeld immer mehr Vegetarier, von denen manche nur auf Fleisch verzichten, Fisch aber gerne essen. Find ich ein bißchen unsinnig, zumindest, wenn man ökologische Argumente anführt. Ich las vom Verschwinden des Blauflossenthunfisch, von Schleppnetzen und Langleinen und Beifang und dem ganzen Müll. Und vor allem stellte ich fest, dass es eigentlich niemanden so richtig interessiert. Vielleicht habe ich deswegen ein Herz für Fische: sie kommen mir so unbeachtet vor. Die Außenseiter der als essbar erklärten Tierwelt.

Nun grassiert der böse Keim, und die Menschen hören auf, Gemüse zu essen. Nicht nur die inkriminierten Gurken, Tomaten und Blattsalate und seit neuestem Sprossen (wobei ich den Durchschnittssprossenkonsum ja für überschaubar halte), sondern – so hat es den Anschein – auch so ziemlich alles andere, was irgendwie farbig aus der Erde kommt: Broccoli, Karotten, Erdbeeren, Äpfel… Die Presse rechnet uns seit Tagen den wirtschaftlichen Schaden vor und tut, was sie am liebsten macht: Schuldige suchen, sowohl in den Reihen der Sachverständigen und Politiker_innen als auch in den Reihen von Gemüse und Obst. Als Freizeit-Hypochonder hab ich für die Panik der Leute ziemlich viel Verständnis. Auch für den Unmut von Bauern, Händlern, Restaurantbesitzern, die unvorhergesehene Gewinneinbußen zu beklagen haben. Und das vermutlich: für nix.

Fishspotting

Aber: Heute ist der Welttag des Ozeans. WWF und Greenpeace beschreiben eindrucksvoll, wie schlecht es um die Meere und Fischbestände steht. Und führen auch die wirtschaftlichen und ökologischen Folgen aus, die das haben kann. Eigentlich genug Stoff für ein paar Panikszenarieren. Trotzdem essen die Leute gerade keinerlei Gemüse mehr, nicht etwa Fisch. Wie gesagt, verdenken kann ich es ihnen nicht. Die Bedrohung der Meere ist vermutlich so schlecht zu fassen wie deren Größe vorstellbar ist. Und EHEC ist, auch dank der freundlichen Unterstützung der Qualitätsmedien, so präsent wie es nur geht (dazu sehr treffend mein heutiger Lieblingstweet). Da hat Verbraucher_in natürlich erstmal um die eigene, unmittelbare Haut Angst.

Allerdings, wenn das Gemüse dann bald wieder wohlwollend verzehrt wird (die Spanne für solche Reaktionen ist ja überschaubar), vielleicht mag sich ja dann jemand über die Fische Gedanken machen, wenn schon nicht am vorgesehenen Gedenktag*, dessen Medienecho verhalten blieb. Journalisten zum Beispiel. Wie gesagt: Eine ordentlich panische Ausrufezeichen-Überschrift gibt das Thema allemal her!

*Ähnlich untergegangen wie der Tag ist eine Pressemeldung von McDonalds Österreich: Sie werden ab Oktober 2011 ihren Gästen im Fischburger künftig nur noch MSC-zertifiziertes Filet vorsetzen. Das ist ein guter Schritt, vor allem, weil es McDonalds ist. Leider ist das MSC-Siegel aber in seiner Wirksamkeit nicht unumstritten und unter Feigenblatt-Verdacht. Tja. Wie das immer so ist.

A perfect Match: WM- meets Bikini-Saison

Das war doch mit Frauenfußball gemeint, oder?

Praktisch für Frauenzeitschriften sind ja die Themen, die jedes Jahr fest im Programm sind und die vermutlich zu Beginn des Jahres als Erstes in die Redaktionspläne gecopypasted werden. Im Frühjahr müssen wir zum Beispiel an die so genannte herannahende Bikini-Saison erinnert werden – „Bikini“ steht in diesem Fall ganz generell als Synonym dafür, dass wir bald was herzeigen sollen oder müssen, und entsprechende diätetische, sportliche und rasierende Maßnahmen ergreifen.

Sommer heißt dieses Jahr aber nicht nur wie stets Bikini-, sondern auch – weitaus spannender – Frauenfußball-WM-Saison. Für diese hat der Sender RTL nun eine offizielle Botschafterin erkoren: Dschungelcamperin und Ex-Castingband-Sängerin Indira Weis soll es werden. Sie hat in ihrer Schulzeit selbst vier Jahre Fußball gespielt, die Begeisterung bringt sie also sicher mit, und zudem kann sie ja auch okay singen, einen offiziellen Song gibt es nämlich auch. Indira sieht ihre Qualifikationen aber auch noch an ganz anderer Stelle: Die Fußballerinnen machen schließlich „genau wie ich im auch im Bikini eine gute Figur.“ Stimmt, es ist ja auch noch Bikini-Saison! Indira fände es daher super, mit den Frauen ein Fotoshooting am Strand zu machen. Darin hat sie schon Übung, denn pünktlich zum Dschungelcamp erschien sie nackt im Sand räkelnd im Playboy.

Indira ist vermutlich der Ansicht, dass ihre Statements dem Frauenfußball zu mehr Popularität verhelfen werden. Prima: die deutsche Nationalmannschaft hört sicher gern, dass sie und ihre Botschafterin sich vor allem durch Bikinitaugliche weibliche Reize qualifizieren. Von wegen, androgyne Mannweiber! Das findet auch BILD, die Indiras Idee vom Bikinishooting gewohnt wortgewandt kommentiert: „Aber dann würde man den Ball vor lauter Bällen nicht sehen…“. Welch würdevoller, gelungener  Vergleich. Infam.

Auf Indiras offiziellen WM-Song „Unsere Frauen“ bin ich nun jedenfalls sehr gespannt. Vielleicht findet sie auch darin die richtigen Worte, um den Frauenfußball anständig aufzusexen. Noch mehr hoffe ich allerdings auf weitere, alternative WM-Botschafter_innen und eine sexismusfreie Berichterstattung, die sich nicht genötigt sieht, ständig unter Beweis zu stellen, dass Fußballerinnen ja auch sexy sein können.